WILHELMSHAVEN - Irgendwie brauchen die Wilhelmshavener den Kick des Schluss- oder Räumungsverkaufs. Selbst leere Kaufhausregale, garniert mit Deko- und Einrichtungsgegenständen, üben offenbar eine magische Anziehungskraft aus. Oder waren es die ausgezogenen Adonisse in (fast) voller Schönheit und die – allerdings kopflosen – Aphroditen als käufliche Körper, die dafür sorgten, dass am Sonnabend das Publikum wie einst ins alte Karstadtgebäude strömte, aus dem sich vor zehn Monaten Hertie verabschiedet hatte?

Die unbeweglichen „Ladenhüter“ – ein ganzer Kerl war für 150 Euro zu haben – gehörten zum Inventar, das vom westfälischen Unternehmer Jörg Sommer im Auftrag des Insolvenzverwalters an Mann und Frau gebracht werden soll. Die größten Posten, Stellagen, Vitrinen, Regale standen im Fokus gewerblicher Kundschaft. Doch die Chance, erstmals wieder nach dem 14. August 2009 den Bau zu betreten, der seit 1908 das Gesicht der Marktstraße prägt, nutzten viele aus zum Teil eher romantischen Gefühlen. Manche Senioren bekundeten, bereits als Kind mit großen Augen durch die Kaufhauswelt gelaufen zu sein. Ragnhild Epding, zusammen mit Freundin Irmgard Grefrath angetroffen: „Früher sind wir regelmäßig jede Woche bei Karstadt gewesen. Wir wollten einfach noch einmal hineinschauen.“

Vor allem Deko-Material wechselte den Besitzer Auch einige weibliche Torsi fanden neue Liebhaber, die männlichen Pendants sind noch auf dem Markt. Perücken, die die Kahlheit der Schaufensterpuppen bedecken, gingen gut weg und kurz vor Ladenschluss zeigte noch jemand mit einem künstlichen Weihnachtsbaum in der Hand antizyklisches Einkaufsverhalten.

Ende dieser Woche wird der „Sommerhandel“ – so heißt das Lüdinghausener Unternehmen – nochmal aus dem Inventar Päckchen schnüren und anbieten, zum Schluss noch einmal am ersten Juli-Wochenende.

Das Trauerspiel müssen sich dann zwei ältere Herrschaften jedoch nicht mehr mit ansehen: Die Unternehmensgründer Rudolph Karstadt, der 1881 sein erstes Geschäft eröffnet hatte, und Theodor Althoff, dessen Kette 1920 von Karstadt übernommen wurde. Die einstigen Chefs, als Gemäldedrucke bis zuletzt in der Geschäftsführeretage präsent, sind bereits weg. Althoff wird bald aus dem Rahmen fallen – nur um letzteren ging es der Käuferin. Und auch Karstadt, dessen Erfolgscredo dereinst die Einführung von Festpreisen an Stelle des noch üblichen Handelns war, musste am Sonnabend Feilschen über sich ergehen lassen: Für vier Euro nahm man ihn schließlich mit. Bemerkung eines Beobachters: „Um Leute dieser Größenordnung zu kaufen, muss man sonst wesentlich mehr ausgeben...“