WILHELMSHAVEN/LANGEWERTH - „Komm ein bisschen mit nach Italien“, sang Catarina Valente 1955 und sie sang damit ganz Deutschland aus der Seele. „Das war allerdings so eine Sache mit ,ein bisschen’“, erinnert sich Heinz Schütt aus Wilhelmshaven. Fünf lange Tage dauerte im Juni 1956 seine Fahrt bis zu einem Campingplatz in San Remo. Im Frühjahr hatte der damals 22 Jahre junge Schütt sich für 1200 Mark einen Achilles-Sport-Roller mit Sturzbügeln gekauft. Als technischer Zeichner beim Norddeutschen Eisenbau in Sande verdiente er 356 Mark brutto. Nachdem die Maschine eingefahren war, lud er Zelt, Schlafsäcke, Luftmatratzen und seinen Fußball-Kumpel Hannes Saake auf und knatterte gen Süden.
Den größten Teil der Strecke gab es nur Landstraßen. Die Schweizer Auffahrt zum St. Gotthard-Pass war ungeteert. Am Berg wurde ständig gesprengt, Zwangspausen waren die Folge. Mit Mühe stotterte der Roller durch Nebel und Regen bergan. „Wir hatten ja nicht einmal dichtes Regenzeug“, erzählt Schütt. Ab der Passhöhe begann die Fahrt ins Blaue auf glattem Asphalt. „Mit jedem Kilometer wurde es schöner – und in Lugano trugen wir nur noch leichte Sommersachen. Das werde ich nie vergessen.“
Wie Heinz Schütt träumten in den 1950er Jahren viele Deutsche davon, selbst mobil zu sein. Die fahrbaren Untersätze dazu kamen vor allem in der ersten Hälfte des Jahrzehnts oft aus Langewerth bei Wilhelmshaven. Dort hatte Ernst Weikert 1948 in drei Baracken, die im Weltkrieg vom Marinenachrichtendienst genutzt worden waren, mit der Produktion von Fahrradteilen, später von Fahrrädern mit Hilfsmotor begonnen. Die Familie stammte aus Oberpolitz im Sudetenland, wo Weikerts Vater bereits 1894 die Achilles-Werke gegründet hatte. 2000 Menschen arbeiteten dort vor Beginn des Zweiten Weltkrieges.
Nach der Flucht der Familie vor der Roten Armee über Friedland nach Wittmund und nach Weikerts eigener Entlassung aus Internierungshaft wagte die Familie in Langewerth einen Neuanfang. Ein verheerendes Feuer machte Anfang Dezember 1948 die Pläne zunächst zunichte. „Die kurze Geschichte des Unternehmens war von enormen Höhen und Tiefen geprägt“, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Tanja Kwiatkowski vom Küstenmuseum Wilhelmshaven.
Vor allem aus Aufzeichnungen der städtischen Wirtschaftsförderung und Berichten von Weikerts Sohn Jostpeter und ehemaligen Mitarbeitern hat sie die Historie rekonstruiert. Die Lizenzproduktion für eine Schweizer Konstruktionsfirma brachte „Achilles“ 1952 den Durchbruch. Im Jahr darauf präsentierten Weikert und seine Mitarbeiter auf der Internationalen Fahrrad- und Motorradausstellung in Frankfurt/Main ihren neuen Roller und das erste Moped „A 7“, das 1954 in verbesserter Form unter dem Namen „Capri“ mit südlichem Chic beworben wurde. Schon die Farbvarianten spielten mit Exotik: Rasparot-Cocuscrem, Bronze-Beige, Nugget-Gold, Elfenbein-Schwarz, Bronze-Cognac und Kongogrün-Nilsand.
In Lehrfilmen der Wilhelmshavener Verkehrswacht aus den 1950er-Jahren kann man sehen, wie die Jadestädter jeden Morgen in großen Pulks auf ihren Achilles-Rollern und Mopeds zum Olympia-Werk in Roffhausen tuckerten. „Allerdings waren auch die Unfälle zahlreich. Mancher junge Mann wollte wohl zu sehr mit seinem Moped imponieren“, sagt Kwiatkowski. 1961 wurde deshalb die Führerscheinpflicht für Mopeds eingeführt.
Der Untergang der Zweiradindustrie ist allerdings dem greifenden Wirtschaftswunder geschuldet. Kwiatkowski berichtet: „Man kann in städtischen Unterlagen sehr schön sehen, wie ab Mitte der 50er Jahre die Zulassungszahlen für Pkw in die Höhe schnellen und die für Kraftfahrer abnehmen.“ Wer konnte, der stieg vom Roller in einen VW Käfer um oder ein anderes Modell mit vier Rädern und Dach über dem Kopf.
Da half auch nichts, dass Weikert 1956 noch das Nachfolge-Moped „Lido“ vorstellte. Kurz überlegte der Schweizer Geldgeber noch, ob er in Wilhelmshaven stattdessen Ölöfen produzieren lassen sollte. Doch die hohen Transportkosten aus der Provinz ins ganze Bundesgebiet vereitelten den Plan. 1957 wurden die Achilles-Werke mit zuletzt 500 Mitarbeitern geschlossen. Ernst Weikert hielt sich nach anderen Versuchen mit einem Versicherungsbüro über Wasser. Doch der Mythos seiner Roller und Mopeds hat bis heute überdauert.
