WILHELMSHAVEN - Die einen stoßen sich daran, die anderen finden es ganz natürlich und können sich nicht darüber aufregen: Das derzeit im Wilhelmshavener Stadtgebiet an vielen Stellen sprießende Grün, das sich auch durch Pflasterung und Asphalt nicht aufhalten lässt.

„Ritzenfugen-Vegetation“ nennt das der Fachmann. Klaus Timmermann, bei der Stadt Abteilungsleiter für Planung und Unterhaltung Grün, kennt das Thema, das den Bürger und ihn dauerhaft beschäftigt. „Die Pflanzen finden im Pflaster oft bessere Bedingungen, als man sich das vielleicht vorstellt. Durch den sauren Regen bekommen sie genügend Nährstoffe und die Durchlässigkeit ist gegeben.“

Der Einsatz von Chemie gegen das Unkraut sei ja nicht mehr erlaubt und für die aufwendige Handarbeit fehle es einfach an genügend Leuten. Früher rückten der Ritzenfugen-Vegetation zahlreiche von der Agentur für Arbeit geförderte ABM-Kräfte zu Leibe. Auch die gebe es nicht mehr, nachdem sich die Betriebe des Gartenlandschaftsbaus gegen die billige kommunale Konkurrenz wehrten, aus ihrer Sicht nachvollziehbar, so Timmermann.

Für einige Bereiche habe man Anwohner gefunden, die in der Form von Patenschaften ihr öffentliches Wohnumfeld mitpflegten, viele hätten aber auch wieder aufgegeben.

Mit Glück handele es sich bei der treibenden Kraft aus dem Boden um einjährige Pflanzen: „Die sind dann übern Winter wieder weg.“ Ansonsten werde es halt sehr arbeitsintensiv.


Besonders kräftig sprießt es im öffentlichen Verkehrsraum dort, wo Absperrgitter die Fußgänger davor schützen sollen, von herabstürzenden Erkern oder Putz maroder Innenstadtgebäude getroffen zu werden. Das nutzt die Natur zu ungestörten Rückeroberungsfeldzügen insbesondere in der Südstadt. Die Eigentümer solcher zumeist leerstehenden Häuser haben sich zum Teil seit Jahren nicht mehr um ihre Objekte gekümmert.

Baurechtlich sind der Stadt die Hände eher gebunden. Außer der Gefahrenabsicherung und der Aufforderung zur Reparatur kann normalerweise nur noch versucht werden, für den gesperrten Fußweg Geld wegen Sondernutzung einzutreiben. Manchmal muss aber bereits die Sicherungsmaßnahme auf Kosten der Stadt erfolgen: Zum Beispiel dann, wenn kein Geld vom Besitzer – oft fern der Jadestadt ansässig – zu bekommen ist. Nicht selten haben sie sich beim Erwerb eines Gründerzeitbaus in Wilhelmshaven verspekuliert und wollen nicht mehr in Objekt investieren.