Dötlingen/Iserloy - Die Luft ist weniger beklemmend als erwartet, als ich, komplett in Schutzkleidung gehüllt, mit einer kleinen Besuchergruppe den Putenstall von Ralf Oltmann betrete. Neugierig beäugen uns die Tiere, machen aber schnell Platz, als wir uns weiter vor wagen. 6000 Putenhähne leben in diesem Stall. 14 Wochen sind die Tiere alt. Von der fünften bis zur 21. Lebenswoche sind sie hier, bevor sie in der Putenschlachterei Geestland in Wildeshausen weiter verarbeitet werden.
Oltmanns Stall misst 20 mal 150 Meter. Über ein Lichtband gelangt Tageslicht ins Innere. „Ansonsten fahren wir ein Lichtprogramm, das heißt acht Stunden, von 22 bis 6 Uhr, ist es dunkel“, erläutert der studierte Landwirt. An heißen Sommertagen wird Wassernebel im Stall versprüht. „Auf diese Weise kommen wir auf sechs Grad unterhalb der Außentemperatur“, berichtet der Dötlinger.
Auch an die Beschäftigung der Hähne ist gedacht. „Am liebsten spielen die Puten mit der Einstreu, die dreimal pro Woche erneuert wird. Ansonsten können sie auf Strohballen klettern oder an Plastikketten picken“, sagt Oltmann.
Damit die Hähne sich nicht gegenseitig verletzen, sind ihre Schnabelspitzen unter Infrarotlicht verödet. Für kranke oder verletzte Tiere gibt es vorne im Stall ein Trennabteil.
Zeit zum Handeln
„Vor 20 Jahren hatte fast jeder hier irgendeinen Bezug zur Landwirtschaft, das ist jetzt nicht mehr so“, sagt Oltmann. Allerhöchste Zeit also zum Handeln.
Nicht bekehren, sondern einfach nur sachlich informieren möchte der Landwirt, der „nichts zu verbergen hat.“ Diese offensive Selbstvermarktung sei in der Vergangenheit allgemein doch etwas zu kurz gekommen, ergänzt Manfred Müller von der Mastputenbrüterei Ahlhorn, die Oltmanns Hof mit Küken beliefert. Dadurch sei zu lange ein nostalgisches Bild von der Landwirtschaft konserviert worden, das im extremen Gegensatz zu vereinzelten Missständen stehe.
Zeigen, wie moderne Landwirtschaft heute funktioniert, möchte auch die Niedersächsische Geflügelwirtschaft. Im Zuge ihrer Transparenzoffensive öffnen seit Herbst 2012 nach und nach Geflügelhalter im ganzen Bundesland ihre Ställe. Das Wissenschafts- und Informationszentrum Nachhaltige Geflügelwirtschaft (WING) aus Vechta begleitet diese Offensive, die Oltmann und Ehefrau Katharina gleich begeistert hat. „Als wir sie gefragt haben, ob auch sie ihre Stalltüren einmal für Interessierte öffnen wollen, haben sie trotz aller damit verbundenen Risiken wie Keimeinschleppung gleich ja gesagt“, freut sich Anna Wilke von WING.
4500 Besucher und gut 2500 Befragungen gab es bislang im Rahmen des vorerst auf drei Jahre befristeten Projekts „Transparenz in der Geflügelwirtschaft“. Am Sonntag rechnet Wilke mit 50 bis 400 Besuchern. Beantwortet werden soll insbesondere bei den anschließenden Befragungen die Grundfrage: Wie sieht der Verbraucher die Geflügelhaltung? „Danach können wir zum Beispiel Managementempfehlungen an die Landwirte geben“, blickt Wilke in die Zukunft.
Gutes Gefühl
„80 Prozent der bislang Befragten kommen mit einem positiven Gefühl raus“, rekapituliert sie. Wenn es Kritik gebe, dann meist am Platzangebot für die Tiere. Ganz wichtig sei es, der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass Tierschutz und Wirtschaftlichkeit sich nicht ausschließen, sondern zusammen gehören. „Ich kann keine Tiere vermarkten, die nicht in Ordnung sind“, betont die Wissenschaftlerin. „Wenn es meinen Tieren gut geht, geht es auch mir gut, sagt meine Mutter immer“, pflichtet Ralf Oltmann ihr bei.
1987 hat die alteingesessene Dötlinger Landwirtsfamilie mit der Putenmast begonnen. 2003 haben Ralf und Katharina den Betrieb von Ralfs Eltern Gunter und Waltraut übernommen. Erst vor vier Jahren haben sie drei neue Ställe gebaut, die Platz für insgesamt 18 000 Puten bieten.
„Jeder Stall hat heute eine eigene Bürgerinitiative“, sagt Anna Wilke. Auch vor diesem Hintergrund steigt das Interesse der Landwirte an einer Teilnahme am Programm.
