Garrel/Visbek/Damme - Er müsse sie warnen, sagt der Ministerpräsident gleich zu Beginn: Ein Landwirtschaftsexperte sei er nicht, er sei eine reine Großstadtpflanze. „Der kleinste Ort, in dem ich jemals gelebt habe, ist Göttingen: 120 000 Einwohner“, sagt Stephan Weil, geboren in Hamburg und heute wohnhaft in Hannover.
Die Herren am Konferenztisch nicken einverstanden. Sie brauchen auch gar keinen Experten heute, das sind sie ja selber – sie brauchen jemanden, der ihnen zuhört.
Das hier ist Garrel, Landkreis Cloppenburg, 14 000 Einwohner, 200 Bauernhöfe und vor allem: Agrarindustrie. Der Konferenzraum gehört zur Goldschmaus-Gruppe, 1100 Arbeitsplätze, 450 Millionen Euro Umsatz. 30 000 Schweine werden hier wöchentlich geschlachtet, damit zählt das Unternehmen zu den Top 10 in Deutschland. „Greifen Sie zu“, bittet Josef Hempen, der Goldschmaus-Geschäftsführer, den Ministerpräsidenten. Auf dem Tisch stehen Schweinemedaillons und Mini-Bratwürstchen.
Hempen hat ein Problem: „Es gibt ja immer so viele negative Schlagzeilen. Und ich hoffe, dass Sie das nach diesem Besuch hier ein wenig anders sehen.“
Der Ministerpräsident greift zum Schwein. „Sehr lecker“, lobt er.
Negative Schlagzeilen
Den Schweinemedaillons auf dem Tisch sieht man nicht die Schweinemast ganz in der Nähe an. Die Futterherstellung nebenan. Den kurzen Tiertransport. Das Schlachten. Das Goldschmaus-Motto, auf das sie so stolz sind: Regional. Kontrolliert. Garantiert. „Die Wertigkeit des Fleisches wird nicht mehr gesehen“, klagt Hempen.
Was die Herren im Konferenzraum dem Mann aus der Großstadt sagen wollen, ist das hier: Im Agrarland Niedersachsen gerät die Agrarindustrie zunehmend unter Druck, weil durch die negativen Schlagzeilen die Akzeptanz von Landwirtschaft schwindet, in der Bevölkerung und in der Landespolitik.
Georg Varelmann meldet sich zu Wort, ein Landwirt: „Wir sind in der Situation, dass wir uns immer mehr rechtfertigen müssen.“ Ein Bauer sei heute jemand, der die Umwelt mit Gülle vergiftet. Der Tiere quält. Der ihnen Gift spritzt. „Dabei machen wir einen guten Job!“
Stephan Weil lächelt: „Das kenn’ ich aus der Politik auch. Keiner sieht, wenn ich nüchtern bin, aber alle gucken, wenn ich Durst habe.“ Der SPD-Politiker betont, dass er sehr großen Respekt vor der Arbeit der Landwirte habe. Und dass er sehr wohl um die wirtschaftliche Bedeutung der Branche wisse.
Morgens war er bei der PHW-Gruppe in Rechterfeld (Wiesenhof), 2,5 Milliarden Euro Umsatz. Gleich fährt er weiter zum Landmaschinenbauer Grimme in Damme, 400 Millionen Euro Umsatz.
„Was glauben Sie“, fragt Weil den Goldschmaus-Geschäftsführer: „Wenn ich in zehn Jahren wiederkomme, wie ist dann die Goldschmaus-Gruppe?“
„Das liegt an Ihnen“, antwortet Josef Hempen.
Na gut, dann zeichnet der Ministerpräsident eben selbst ein Zukunftsbild. „Erstens: In zehn Jahren ist Niedersachsen das Agrarland Nummer eins. Zweitens: Ich würde gern erleben, dass es gelungen ist, gleichzeitig die Nutzungskonflikte zu reduzieren.“ Denn diese Konflikte seien eindeutig da, Stichwort Vermaisung der Landschaft, Nitrat im Grundwasser, Tierschutz. „Drittens: Es ist uns gelungen, den Trend zu brechen, dass immer mehr kleine und mittlere Betriebe aufgeben“.
„Das ist so gut wie unmöglich!“, entfährt es einem Landwirt: „Bei den Restriktionen!“
Weil muss weiter. Eine knappe Stunde später sitzt er in einem anderen Konferenzraum, an der Wand hängen ein riesiges Kartoffelposter und eine Weltkarte, gespickt mit roten Nadelköpfen auf allen fünf Kontinenten. Vor einer Leinwand steht Franz Grimme und erzählt eine typische Erfolgsgeschichte aus dem Oldenburger Münsterland: Da wurde vor 153 Jahren eine Dorfschmiede gegründet, die zwei Generationen lang mühsam die Familie nährte. Die dritte Generation, Grimmes Vater, begann, Landmaschinen zu bauen; der Traktor war inzwischen erfunden. Und jetzt vertreibt Sohn Grimme Kartoffel- und Rübenernter in 120 Ländern, beschäftigt mehr als 2000 Mitarbeiter und weist einen Umsatz von 400 Millionen aus.
„Wenn Sie technische Fragen haben . . .“, bittet Franz Grimme Stephan Weil.
„Ich bin nur Jurist“, sagt Weil, „technische Frage sind da eher nicht zu erwarten.“
„Ich habe viel Respekt“
Anders als der Schlachthof in Garrel hat der Landmaschinenbauer aus Damme keine Akzeptanzprobleme. Sorgen hat er trotzdem.
Das Kartoffelernter-Geschäft sei ein Saisongeschäft, ein Kartoffelernter-Bauer brauche deshalb Saison-Kräfte. Die Politik erschwere die temporäre Beschäftigung von Mitarbeitern, „wie können wir wettbewerbsfähig bleiben?“
Moment einmal. Zeitarbeit, Leiharbeit, Werkverträge, war das nicht Teil der negativen Schlagzeilen über die Agrarindustrie? Morgens war Weil bei Wiesenhof, die Presse war nicht zugelassen, „ am Rande“ sei es auch um diese Frage gegangen. Aber unter anderen Vorzeichen als in Damme. „Wir behandeln die temporären Kräfte wie unsere anderen Mitarbeiter auch“, heißt es nämlich bei Grimme. Nun habe man Probleme, weil es anderswo Auswüchse gebe.
„Ich nehme die Frage mit nach Hannover“, sagt Weil. Ebenso wie die Bitten zur Straßenverkehrsordnung („Wir brauchen mehr Rechtssicherheit bei den großen Maschinen“) und nach besserer Kinderbetreuung („Das ist ein wichtiger Standortvorteil“).
Ein Tag im Oldenburger Münsterland. „Das ist wirtschaftlich eine ganze starke Region“, lobt Weil, die Großstadtpflanze, „und ich habe viel Respekt vor dem, was ich heute gesehen habe.“
Er sagt aber auch: „Die Nutzungskonflikte sind da, die müssen wir lösen.“
Weil will wiederkommen
In Garrel hat Goldschmaus-Chef Hempen den Ministerpräsidenten gewarnt: „Die Politik muss wissen, was passiert, wenn sie etwas verschärft.“ Beispiel Käfighaltung: Als in Deutschland die Käfige verboten wurde und Landwirte auf Freilandhaltung setzten, wurden die ausgemusterten Käfige von Ungarn aufgekauft – und in deutschen Supermärkten kauften Verbraucher nun die billigeren Eier aus Ungarn. „Wir brauchen Ihre Unterstützung!“, so Hempen.
In zehn Jahren komme er wieder, verspricht Weil zum Schluss. „Und Sie sorgen bitte dafür, dass ich dann immer noch von Amts wegen kommen kann – als Ministerpräsident.“ Gelöstes Gelächter.
