Berlin/Washington - Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat seine Prognose für die Weltkonjunktur erneut nach unten korrigiert: Im laufenden Jahr sei nur noch mit einem Wachstum der Weltwirtschaft von 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu rechnen — nach 3,4 Prozent im vergangenen Jahr, heißt es im neuen Weltwirtschaftsausblick, den der Fonds am Dienstag in Washington veröffentlichte. Im Januar hatte der IWF noch 2,9 Prozent für das weltweite Wachstum vorausgesagt. Auch in den kommenden fünf Jahren sei nicht mit mehr als 3,0 Prozent Zuwachs zu rechnen. Für die Weltwirtschaft sind Wachstumsraten unter drei Prozent gering, denn viele Schwellen- und Entwicklungsländer prosperieren in der Regel stärker als Industrieländer. Für diese Länder sagt der IWF eine Wachstumsrate von nur 1,3 Prozent 2023 voraus — nach 2,7 Prozent 2022.
Organisation sieht hohes Risiko
Die Washingtoner Finanzorganisation sieht die Weltwirtschaft in diesem Frühjahr in einer schwierigen, angespannten Lage: Die anhaltend hohe Inflation, die jüngste Verunsicherung im Bankensektor und der Ukraine-Krieg bedeuteten ein hohes Risiko für die weitere Entwicklung, heißt es in der Prognose. Es könne auch schlimmer kommen als angenommen — wenn nämlich die Probleme im Finanzsektor doch zunehmen würden. In diesem „plausiblen“ Alternativszenario wachsender Bankenprobleme würde die Weltwirtschaft 2023 nur noch um 2,5 Prozent wachsen, so der IWF. Das wäre das schwächste Wachstum seit 2001, ausgenommen nur die Corona-Krise 2020 und die letzte globale Finanzkrise 2009.
Lindner erhofft sich Rückhalt für zu Hause
In Washington kommen in dieser Woche Vertreter aus 180 Nationen zur Frühjahrstagung des IWF und der Weltbank zusammen. Auch Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) und Bundesbankpräsident Joachim Nagel haben sich auf den Weg in die US-Hauptstadt gemacht. Am Mittwoch nehmen beide am parallelen Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs der 20 wichtigsten Nationen (G20-Staatengruppe) teil.
Lindner erhofft sich von den Treffen auch Rückhalt für seine Haushaltspolitik zu Hause: Innerhalb der Ampel-Koalition steht der FDP-Vorsitzende in der Kritik, weil er von den Koalitionspartnern für 2024 strikte Haushaltsdisziplin verlangt. Damit die Schuldenbremse eingehalten werden kann, müssen die Minister nicht nur auf neue Ausgabenwünsche im Umfang von insgesamt 70 Milliarden Euro verzichten, sondern noch zusätzlich sparen: Laut Lindner muss ein Defizit von 14 bis 18 Milliarden Euro durch Kürzungen ausgeglichen werden. Darüber müssen SPD, Grüne und FDP in den kommenden Wochen einig werden, denn Lindner muss dem Kabinett im Juni ein fertiges, abgestimmtes Haushaltsgesetz vorlegen.
Teuerung nicht anheizen
Der Weltwirtschaftsausblick des IWF gibt dem Bundesfinanzminister durchaus Rückendeckung: Da die hohe Inflation hartnäckig sei und vor allem die Kerninflation nur sehr langsam zurückgehen werde, sollten die Staaten die Teuerung nicht durch eine defizitäre Politik zusätzlich anheizen, heißt es im Bericht. In den meisten Fällen — auch Deutschland dürfte damit gemeint sein — brauche es eine straffe Finanzpolitik und stabile Finanzen, allerdings auch Hilfen für Gruppen, die unter den hohen Lebenshaltungskosten besonders litten, so der IWF. Würde das negative Alternativ-Szenario einer neuen Finanzkrise eintreten, müssten die Länder die automatischen Stabilisatoren wirken lassen, also höhere Defizite in den Sozialsystemen zulassen.
Zur Frühjahrstagung hat die Bundesregierung ihre Forderung nach einer grundlegenden Reform der Weltbank bekräftigt. Als „größter Entwicklungsfinanzier“ solle diese „ihr Kapital effektiver einsetzen, um mehr zur Lösung globaler Krisen wie Klimawandel, Naturzerstörung oder Pandemien beizutragen“, erklärte das Bundesentwicklungsministerium am Dienstag. Zwar solle die Armutsbekämpfung Kernaufgabe der Weltbank bleiben. Jedoch lasse sich Armut heutzutage „nur noch erfolgreich bekämpfen, wenn man zugleich globale Herausforderungen wie Klimawandel, Artensterben oder Pandemien angeht.“
