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WOHNFORMEN „Modell Eigenheim im Grünen verblasst“

Es gebe viele andere Wohnformen. Deshalb werde die Nachfrage nach Eigenheimen nicht mehr so dominant sein.

Von thomas hellmold

Frage:

Herr Professor Siebel, wie wohnen Sie?

Siebel:

In einem Einfamilienhaus am Rande Oldenburgs.

Frage:

In einer Wohnform also, die nach Ihrer Prognose an Anziehungskraft deutlich verlieren wird . . .

Siebel:

. . . die es aber auch weiterhin geben wird. Man wird allerdings vielleicht nicht mehr so viel Geld dafür erlösen, wie man sich das bislang vorstellt. Wohnungen am Stadtrand haben nicht die positive Preisentwicklung gemacht wie Häuser in den Zentren. Was ein Hinweis darauf ist, dass die Nachfrage sich zu verlagern beginnt und stärker auf die Innenstädte orientiert. Das Modell der Kleinfamilie mit Eigenheim im Grünen verblasst allmählich.

Frage:

Im ländlichen Oldenburg ist das Eigenheim doch das Wohnideal schlechthin. Gilt das nicht mehr?

Siebel:

70 bis 80 Prozent der Deutschen sehen immer noch das Eigenheim im Grünen als ideale Wohnform an. Nur: Die Nachfrage wird nicht mehr so dominant sein, und sie wird nicht mehr so viele Neubauten zur Folge haben.

Frage:

Weil der Markt gesättigt ist?

Siebel:

Teils, weil er gesättigt ist, teils aber auch, weil die Bevölkerungszahl in absehbarer Zeit rückläufig sein wird. Außerdem werden die beiden Säulen brüchig, auf denen die Nachfrage nach dem Eigenheim im Grünen ruht. Die eine Säule ist das Familienmodell – nicht von ungefähr sprechen wir vom „Einfamilienhaus“. Die Familie als Lebens- und Wohnform wird in Zukunft nicht mehr so eindeutig dominant sein. Die klassische Familienphase wird kürzer werden, weil die Leute später heiraten und eine Familie gründen, und es gibt zunehmend andere Formen des Lebens und Wohnens.

Frage:

Sie meinen Singles und Wohngemeinschaften?

Siebel:

Ja, dazu noch die unverheiratet zusammenlebenden Paare und die kinderlosen Paare. Ein Beispiel: 40 Prozent der Akademikerinnen werden ihr Leben lang keine Kinder haben. Kurzum: Das Lebensmodell Familie wird relativiert; daneben entsteht eine Vielzahl anderer Wohnformen, die nicht ins Einfamilienhaus drängen.

Frage:

Und die zweite Säule?

Siebel:

Das ist die Eigentumsform. Es heißt nicht umsonst „Eigenheim“. Die Voraussetzung für den Erwerb war bisher ein langfristig kalkulierbares, relativ hohes Einkommen, das die Hauserwerber erst kreditfähig machte . . .

Frage:

. . . was auf einem verunsicherten Arbeitsmarkt rapide nachlässt?

Siebel:

Ganz genau. Der Wandel des Arbeitsmarktes lässt für eine wachsende Minderheit genau diese Voraussetzung der Eigentumsbildung brüchig werden. Hinzu kommen zunehmende Mobilitätszwänge im Zuge beruflicher Karrieren, die sich nicht unbedingt mit Wohneigentumsbildung vertragen. Das Entscheidende ist die veränderte Rolle der Frau, die genauso so berufstätig ist und karriereorientiert wie die Männer. Das verträgt sich mit Familie und Kindern und Wohnen im Grünen immer weniger.

Frage:

Aber trifft das, was Sie beschreiben, nicht eher auf Ballungsgebiete zu?

Siebel:

Das sind Entwicklungen, die wir in Berlin, in Frankfurt, in München ganz massiv beobachten. Dort finden Sie nur noch in zehn bis fünfzehn Prozent der Haushalte Kinder. Aber auch im Oldenburger Land werden in Zukunft die klassischen Haushalte von Eltern mit ihren Kindern nicht mehr so eindeutig die dominante Wohn- und Lebensform sein.

Regionalforscher

Professor Dr. Walter Siebel

(66), einer der bedeutendsten Stadtsoziologen Deutschlands, war bis Mitte 2004 Stadt- und Regionalforscher an der Uni Oldenburg. Er gehört zu der sechsköpfigen Jury, die die deutsche Stadt bestimmt, die sich um den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2010“ bewerben wird.
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