Bad Zwischenahn - Von der im Moment häufig genannten „Zeitenwende“ – gravierenden Veränderungen in verschiedenen Bereichen von Gesellschaft, Ökologie und Ökonomie – ist die Wohnungswirtschaft besonders betroffen. Das wurde auf der Fachtagung „Zwischenahner Gespräch“ am Donnerstag und Freitag im Ammerland deutlich. Der Grund: Wirtschaftliche und demografische Veränderungen aus ganz unterschiedlichen Bereichen haben direkten Einfluss auf die Branche. Gut 150 Gäste nutzten die Gelegenheit zum Austausch im Zwischenahner Seehotel Fährhaus, vier Referenten gaben spannende Impulse (s. „Mehr zum Thema“).
Klimaziele in Gefahr
Steigende Energiepreise, Fachkräftemangel, fehlendes Material, demografischer Wandel – wie all das der Branche zusetzt, machte GdW-Präsident Axel Gedaschko deutlich: Rund 32 Prozent der ursprünglich geplanten Neubaufertigstellungen der Jahre 2023/2024 in Deutschland seien nach Auskunft der Unternehmen nicht realisierbar. „Hochgerechnet auf alle Unternehmen im GdW bedeutet dies knapp 20 000 Wohneinheiten weniger als ursprünglich geplant“, führte er aus. Das gilt gleichermaßen für Modernisierungsmaßnahmen im Bestand: Zu den stornierten Modernisierungen kämen gut 41 000 Wohneinheiten, die zwar modernisiert würden – aber bei deutlich reduzierter Maßnahmentiefe. Das Erreichen der Klimaziele gerate so zunehmend in Gefahr, warnte Gedaschko und forderte eine wirksame, ausreichend finanzierte und verlässliche Förderkulisse.
Mehr Effizienz notwendig
Unklare Perspektiven und eine Überregulierung seitens der Regierung nannte Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft als erschwerende Faktoren. Und auch er betrachtete den Fachkräftemangel. Im Durchschnitt arbeite jeder Erwerbstätige in Deutschland zwei Stunden weniger als die Schweizer und eine Stunde weniger als die Schweden. 100 Stunden mehr im Jahr zu arbeiten wie die Schweizer, würde dem Wirtschaftsstandort Deutschland sehr helfen, „denn uns fehlen bis zum Jahr 2030 4,2 Milliarden Arbeitsstunden.“ Auch ein Renteneintrittsalter mit 67 Jahren könne den Prozess sinkender Arbeitskräfte-Zahlen nicht aufhalten. Deshalb müsse man den Mut haben, „auch über Zumutungen zu reden“. Zudem sei die deutsche Baubranche noch nicht effizient genug, sagte Hüther und betrachtete dabei sowohl die Digitalisierung als auch sinnvolle Vernetzungen und Chancen aus Standardisierungen. „Jeden Sonderwunsch zu bedienen bedeutet, auch auf Effizienzfortschritte zu verzichten“, machte er deutlich.
Masterplan gefordert
Eine Reduzierung der Standards hatte auch bereits Dr. Susanne Schmitt, Direktorin des vdw Niedersachsen/Bremen, in ihrer Begrüßungsrede angemahnt. Die Baubranche müsse kostendeckend arbeiten, um überleben zu können. Bei 4000 Euro Baukosten pro Quadratmeter hieße das eine Miete von 16 bis 17 Euro, rechnete sie vor. Auch die geforderten schnellen Gebäudemodernisierungen ließen sich nicht so schnell umsetzen: Bei einem Prozent Leerstand sei eine Sanierungsquote von drei Prozent nicht möglich, weil man Mietern während der Sanierungsphase eine andere Wohnung zur Verfügung stellen müsse. Sie sprach von zehn bis 20 Jahren, um Gebäude sinnvoll zu modernisieren und zu dekarbonisieren. Und: „Statt vieler kleiner Maßnahmen brauchen wir einen Masterplan über einen längeren Zeitraum“, forderte sie.
Zum 40. Mal fand am 13. und 14. April das „Zwischenahner Gespräch“ als Fachtagung des Verbandes der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Niedersachsen und Bremen statt.
Zum Thema „Zeitenwende ... für wen?“ referierten Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der dt. Wirtschaft in Köln, Prof. Dr. Roland Czada, Politikwissenschaftler, Uni Osnabrück, Axel Gedaschko, Präsident Bundesverband deutsche Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW), Prof. Dr. Christian Berg, Vizepräsident Dt. Gesellschaft Club of Rome.
