Wolfsburg/Emden - Drängler und Raser sind auf der Autobahn wenig beliebt. Ganz anders in der Autoindustrie: Mit dem Ziel, Tempo zu machen, ist Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess (60) vor einem Jahr (12. April) angetreten – als Nachfolger des glücklosen Matthias Müller. Und Diess hat dem Autogiganten Beine gemacht. Was sind seine Erfolge nach einem Jahr im Amt, was seine größten Baustellen?
Erfolge
Autoriese im Wandel – die Elektromobilität
Erst scheint VW die E-Mobilität zu verschlafen – doch Ende 2019 startet die Produktion der vollelektrischen ID-Modellfamilie in Zwickau. Diess habe „schnell die richtigen Dinge umgesetzt“, meint Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer. „In der Summe hat er einen sehr guten Job gemacht – er ist niemand, der Konflikte scheut.“ Denn bei dem Werk in Zwickau soll es nicht bleiben, wegen der strengeren EU-Vorgaben beim CO
Digitalisierung, Automatisierung und autonomes Fahren
Kooperationen mit US-Tech-Riesen sollen den Branchenprimus bei der Digitalisierung nach vorn bringen. Das Ziel: Amazon soll die VW-Fabriken produktiver machen, mit der Hilfe von Microsoft will VW künftig Autos vernetzen. In Sachen Software-Kompetenz müsse „noch einiges nachgeliefert werden“, mahnt Branchenfachmann Stefan Bratzel.
Neue Unternehmensstruktur
Baustellen
Klar ist: batteriebetriebene E-Mobilität ist eine milliardenschwere Wette auf die Zukunft, angesichts der schwachen Lade-Infrastruktur weiß niemand, ob VW mit Stromern ganz nach vorn fährt. Andererseits ist die Nachfrage bei bisherigen Modellen größer als das Angebot.
Gerade erst hat sich Diess mit der deutschen Autobranche angelegt – in der Frage, wie Autos künftig angetrieben werden. Der Manager setzt auf den batterieelektrischen Antrieb. Dudenhöffer sagt: „Es gibt einen Weg, und das ist das batterie-elektrische Auto. Punkt.“ Die Festlegung gegen Technologieoffenheit für andere Antriebe findet er richtig: „Die Brennstoffzelle nimmt keiner ernst, das ist keine Alternative für die nächsten 30 Jahre.“ Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) findet die Festlegung dagegen „komplett falsch“.
Konflikt mit Betriebsrat
Diess sagt selbst: ein E-Auto erfordere 30 Prozent weniger Arbeit als ein Verbrenner. „Es wird schwer, das nur mit Fluktuation und Altersteilzeit zu bewältigen“, warnt er. VW kündigt zudem an, in den nächsten fünf Jahren sollten zusätzlich 5000 bis 7000 Stellen entfallen, Routinearbeiten in der Verwaltung könnten automatisiert werden. Das birgt Konfliktpotenzial mit Betriebsratschef Bernd Osterloh: Die Sicherheit der Arbeitsplätze stehe an erster Stelle, „Experimente auf Kosten der Beschäftigten lehnen wir ab“. Er will für die Kernmarke eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2028 an allen deutschen Standorten.
„Dieselgate“
Ihn wird Diess so schnell nicht los: den Skandal manipulierter Dieselmotoren, der den Konzern schon fast 30 Milliarden Euro gekostet hat. Anleger, die sich zu spät über die Affäre informiert fühlen, klagen zudem im Musterverfahren in Braunschweig auf Schadenersatz. Tausende von Diesel-Kunden wollen ebenfalls Geld sehen. Und dann gibt es noch strafrechtliche Ermittlungen gegen eine Reihe von Managern. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt wegen verschiedener Vorwürfe gegen 52 Beschuldigte, darunter Ex-VW-Chef Martin Winterkorn, Diess selbst und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. In diesen drei Fällen geht es um mögliche Marktmanipulation. Noch ist nicht klar, ob es zur Anklage kommt.
