Wüsting/Oberhausen - Der Blick vom Huntedeich über die weiten Felder und grünen Wiesen offenbart Kanäle und Gräben soweit das Auge reicht. Wie kleine Adern durchziehen sie die Landschaft – und mit ihrer Strömung kommt die Gefahr. Braunes, borstiges Fell, lange Schnurrhaare und auffällige orangefarbene Zähne: die Nutria, auch Biberratte genannt. „Die Nutrias können hier überall hingelangen und sich ungehindert ausbreiten. Sie haben keine natürlichen Feinde“, berichtet Hans-Christ Herzer, stellvertretender Hegeringleiter in Wüsting.
Ideale Lebensbedingungen
In Wassernähe finden die aus Südamerika stammenden Nagetiere ideale Lebensbedingungen vor. Durch die ganzjährig wasserführenden Kanäle können sie sich frei bewegen. Als Bauten dienen selbst gegrabene Erdlöcher im Uferbereich – die Gänge können mehrere Meter lang sein. „Wir haben hier ganze Uferbereiche netzartig untertunnelt vorgefunden. Diese Schäden stellen nachweislich eine erhebliche Gefahr für Menschen und landwirtschaftliche Fahrzeuge dar, die sich in Ufernähe befinden und einbrechen können“, sagt Hans-Christ Herzer. Im Emsland sei es deshalb schon zu schweren Unfällen gekommen.
Dazu kämen Schäden für die Unterhaltungs- und Bodenverbände, was den Wasserbau sowie die Unterhaltung von Kanälen und Wasserzügen anbelangt. Für die Wiederherstellung abgesackter Uferzonen würden fünfstellige Kosten entstehen.
Plötzlich überall vorgekommen
Als Jäger betreut Hans-Christ Herzer das Revier Oberhausen, welches etwa 680 Hektar Fläche umfasst. „Vor drei Jahren haben uns Landwirte auf die Nutrias aufmerksam gemacht“, erklärt er. Plötzlich seien sie überall vorgekommen. Mit einem Körpergewicht von rund zehn Kilogramm und einer Länge von etwa 60 Zentimetern, ohne den bis zu 45 Zentimeter langen Schwanz, sind die Nutrias nicht zu übersehen.
Ihre explosionsartige Vermehrung ist darauf zurückzuführen, dass sich die Nutrias das ganze Jahr über paaren und in zwei bis drei Würfen jeweils sechs bis acht Junge zeugen können. Ursprünglich waren sie von Pelztierzüchtern nach Europa gebracht worden, die mit den Fellen ihr Geld verdienen.
Man sackt im Boden ein
Wer durch das Gebiet fährt, findet immer wieder große Löcher oder sogar ganze Uferkanten, die abgebrochen sind. An vielen dieser Stellen sackt man mit dem Fuß mehrere Zentimeter in den Boden ein. Auch in den Nachbarrevieren Blankenburger Mark, Holle, Grummersort und Neuenwege ist Herzer deshalb auf offene Ohren gestoßen. Er habe für den Gesamtbereich die Erfassung der Nutrias übernommen. Mehr als 50 Tiere erlege er pro Jahr – ähnliche Zahlen würden auch in den anderen Revieren vorkommen.
Erst am Dienstag gab es einen Vorstoß des I. Oldenburgischen Deichbandes, um der Lage endlich Herr zu werden. Die Vertreter stellten der Jägerschaft 15 neue Lebendfallen für die Nutria-Jagd zur Verfügung. Wenn ein Tier in eine Falle tappt, meldet dies eine Handy-App direkt an die Jäger. „Wir betreiben intensive Fallenjagd – vornehmlich mit Lebendfallen“, sagt Herzer. Dies sei allerdings mit einem erheblichen Aufwand verbunden, da diese Fallen zweimal am Tag kontrolliert werden müssten.
„Kriegen Nutria nicht mehr weg“
„Wir Jäger sind sehr bemüht, durch die Nutria-Jagd den Schäden entgegenzuwirken – wir sind aber keine Schädlingsbekämpfer“, stellt Herzer klar. Man wolle helfen: „Viele der Bauern wohnen hier ein Leben lang. Da weiß man um deren Probleme.“ Eines sei dennoch klar: „Wir kriegen die Nutrias hier nicht mehr weg. Das wäre wie Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen.“ Die Situation sei zwar unter Kontrolle – auf weitere Schäden müsse man sich aber einstellen.
