WüSTING - Schuld war die Großherzoglich Oldenburgische Eisenbahn, kurz GOE. Beziehungsweise der Baubeginn der Bahnlinie Oldenburg – Bremen ab 1864. Denn die Gleise durchkreuzten ausgerechnet den acht Hektar großen Hof von Johann Hinrich Gode und seiner Frau Mette. „Warum nicht aus der Not eine Tugend machen“, mag sich der Heuermann und Dachdecker gedacht haben, als er sich daher 1868 entschloss, gegenüber dem Bahnhofsgebäude den „Wüstenlander Hof“ zu errichten. Schließlich brauchte der entstehende Bahnhof eine Gastwirtschaft. Godes alter Hof – beziehungsweise das, was nach dem Bahnbau übriggeblieben war – wurde 1875, in dem Jahr, in dem Mette Gode starb, abgerissen. „Heute befinden sich dort die Volksbank, die ehemalige Bäckerei Siemers sowie Sattlermeister Karl Oeltjen“, weiß Wüstings Bezirksvorsteher Siegfried Hoffmann.
1872 heiratete Heinrich Claußen Godes Tochter Gesine. Bis zum Jahre 1912 war er nicht nur Gastwirt des Wüstenlander Hofes, sondern wie schon sein Vorgänger Gode auch gleichzeitig „Postagent“. Doch damit nicht genug: „Es gab auch eine Bäckerei, außerdem wurden Kohle und Düngemittel verkauft“, berichtet Siegfried Hoffmann, „zudem brachte die Viehwaage weitere Einkünfte: Die Besitzer des Wüstenlander Hofes waren immer auch vereidigte Viehwäger. Die GOE verpachtete die Waage.“
Als Heinrich Claußen 1912 an Magenkrebs erkrankte, verkaufte er den Hof an Wilhelm Noll aus Osternburg. Dieser übernahm bis zu seinem Tod 1927 alle Funktionen. Einer seiner Söhne, Heinrich, übernahm danach den Hof. Da Heinrich wie alle wehrpflichtigen Männer in den Kriegsjahren nicht viel zu Hause war, führten seine Frau Martha, die er 1933 heiratete, und seine Mutter Helene den Hof mit allen Posten vorübergehend weiter. Besonderer Clou: Bei Heinrichs Frau Martha handelte es sich um eine Enkeltochter von Heinrich Claußen, dem einst der Hof gehörte. Heinrich und Martha waren seit 1912 Nachbarskinder gewesen.
Heinrich Nolls Gesundheitszustand nahm stetig ab, so dass Noll den Hof vom 1. März 1961 bis 30. September 1967 an Hans-Georg Tapken verpachtete. Den stark angewachsenen Postbetrieb konnte Familie Noll nicht mehr nebenher führen, so wie es Generationen über der Fall gewesen war. Ende 1961 gaben sie diese Aufgabe ab.
Noll verstarb am 25. November 1969. Seine Frau Martha verkaufte am 16. Juni 1970 den ganzen Besitz an Harald und Ruth Brüers aus Munderloh. „Der baute dann an, und der Wüstenlander Hof wurde zu der heutigen Gaststätte erweitert“, weiß Siegfried Hoffmann, „am 1. September 1998 verkaufte er an Susanne Vorspohl. 2004 übernahm Familie Brüers wieder den Betrieb.“ Im ursprünglichen Gaststätten-Gebäude war mittlerweile ein Edeka-Markt, der einstige Eingang zur Gaststätte sowie einige Fenster im Erdgeschoss sind zugemauert beziehungsweise von einer weißen Wand zugebaut worden.
Seit 2006 ist Maren Brüers, die Tochter von Harald Brüers, nun Pächterin des Wüstenlander Hofes, zu dem heute zwei Säle, zwei Doppel-Kegelbahnen sowie das Bistro Moritz gehören. Als ihre Eltern den Wüstenlander Hof damals kauften und dorthin zogen, war Maren Brüers gerade mal zwei Jahre alt.
Zu den Stammgästen zählen heute der Männergesangsverein sowie der Schützenverein Wüsting.
Marens Schwester Vera Brüers verkauft im Geschäft nebenan – also dort, wo ursprünglich die Gaststätte drin war – zum Beispiel Schreibwaren, Geschenkartikel oder auch Schnittblumen. Das Lebensmittelsortiment gibt es nicht mehr, seit sich ein anderer Supermarkt in der Nähe angesiedelt hat.
„Über dem Neubau ist eigentlich eine Betriebswohnung, die nutze ich aber nicht selbst, sondern stelle sie Monteuren zur Verfügung“, erzählt Maren Brüers. Anfangs habe sie auch in einer der Wohnungen gewohnt, „aber ich muss auch mal Abstand zur Gaststätte haben“, erklärt die 43-Jährige.
