Bad Zwischenahn - Während sich die Wohnungswirtschaft in Niedersachsen Gedanken über die Unterbringung von Zuwanderern und Kriegsflüchtlingen macht, appelliert der Publizist und Philosoph Michel Friedman an die Deutschen, Einwanderung nicht als Bedrohung zu empfinden. Einwanderer seien eine Bereicherung, sagte Friedman am Freitag in Bad Zwischenahn. „Ich habe noch nie Angst vor der Vielfalt des Menschen gehabt, eher vor seiner Einfalt.“
Der Verband der Immobilien- und Wohnungswirtschaft Niedersachsen-Bremen (VDW) hatte Friedman zum „Zwischenahner Gespräch“ eingeladen. Bei der 34. Auflage der Tagung drehte sich alles um das Thema Einwanderung. Die Wohnungswirtschaft in den deutschen Kommunen fühlt sich vom steigenden Zustrom von Asylbewerbern und Kriegsflüchtlingen nach eigenem Bekunden teilweise überfordert.
Friedman räumte ein, dass Zuwanderung durchaus eine große Aufgabe für die Gesellschaft sei, vor der man auch Angst haben könne. „Jeder Mensch, der in einen bestehenden Zustand eindringt, ist eine Herausforderung.“
Das gelte aber nicht nur für Ausländer, sondern auch für neue Nachbarn im Mietshaus oder neue Kollegen im Bettrieb. „Die Menschen wollen Herausforderungen.“ Aber sobald sich etwas verändere, sehnten sie sich zurück nach dem Ursprungszustand.
Michel Friedman hat selbst einen Migrationshintergrund. Der 59-Jährige, der einer polnisch-jüdischen Familie entstammt, wuchs in Paris auf. Als er neun Jahre alt war, zog die Familie nach Frankfurt. Später studierte Friedman Jura, arbeitete als Rechtsanwalt, moderierte Fernsehsendungen, war Vize-Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland.
Einwanderung sei nichts Überraschendes, sagte Friedman. Millionen Menschen mit deutschem Pass hätten einen Migrationshintergrund. „Sind die alle integriert?“ Und was bedeute Integration überhaupt. „Sind alle Hans Meiers integriert?“, fragte Friedmann provokativ. „Sind alle Nazis integriert?“ Veränderungen seien schwierig, Gesellschaften aber dynamisch.
„Die Einwanderung hat im Durchschnitt dreimal so viel gebracht wie gekostet“, sagte Friedman. Ohne Zuwanderung habe die Bundesrepublik ohnehin keine Zukunft.
Mit der „Willkommenskultur“ kann Friedmann nichts anfangen. Darunter verstehe jeder etwas anderes. Auch der Begriff „Parallelgesellschaft“ führt nach seiner Meinung in die Irre. „Wie nähert sich ein Mensch, der zu uns kommt, wenn wir ihn nicht einladen?“ Die Äußerung von Ex-Bundespräsident Christian Wulff „Der Islam gehört zu Deutschland“, hält der Publizist für „merkwürdig“. Das klinge nach dulden.
Friedman forderte seine Zuhörer auf, beim Thema Einwanderung nicht zu schweigen. „Der einzelne Mensch kann die Welt verändern, wenn er eine Haltung entwickelt.“ So wie Oskar Schindler. Der Unternehmer hat im Krieg 1200 Juden das Leben gerettet – auch Friedmans Eltern und seiner Großmutter.
