Ritterhude - Rund zwei Jahre nach der gewaltigen Explosion in einer Chemieentsorgungsfirma in Ritterhude bei Bremen sind Ursache und Schuldfrage noch immer ungeklärt. Bei dem Vorfall am 9. September 2014 wurde ein Mitarbeiter der Firma getötet, 40 umliegende Häuser wurden teils stark beschädigt.
Der Versuch, Licht ins Dunkel zu bringen, Artikel vom 5. April 2016Durchsuchung im Gewerbeaufsichtsamt von Cuxhaven, Artikel vom 9. März 2016Kampf um den Neuanfang, Artikel vom 5. September 2015
Die Staatsanwaltschaft Verden ermittelt gegen die damalige Geschäftsführung wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung, des Herbeiführens einer Explosion und des unerlaubten Betreibens einer Anlage. „Die Ermittlungen sind sehr komplex“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Lutz Gaebel, am Dienstag. Ein Ende sei noch nicht absehbar. Die Ermittler prüfen unter anderem, ob die Anlage die entsprechende Genehmigung hatte und ob diese ordnungsgemäß beantragt und erteilt wurde. Sie wollen auch herausfinden, wer für die Explosion in dem Ort mit rund 15 000 Einwohnern verantwortlich ist.
Die Sanierungsmaßnahmen auf dem Firmengelände sind inzwischen abgeschlossen, wie das Umweltministerium mitteilte. Nach den Abrissarbeiten sei dort eine Wiese, sagte Sprecher Rudi Zimmeck. Die Beweissicherung an den Grundwassermessstellen werde noch zwei Jahre fortgeführt.
Der Betreiber der explodierten Fabrik will das Gelände nicht mehr industriell nutzen. „Die Firma wird aufgelöst“, sagte der Sprecher der Geschäftsführung von Organo Fluid, Hansgeorg Klose. „Die Liquidationsphase ist Ende November beendet.“ Die Arbeitsverträge mit den 18 Mitarbeitern seien beendet oder aufgelöst.
Die Gemeinde Ritterhude möchte die Fläche als Wohngebiet nutzen. „Wir stellen gerade einen Bebauungsplan auf“, sagte der Ortsplaner der Gemeinde, Michael Keßler. Bürgermeisterin Susanne Geils (SPD) verwies darauf, dass sich viele Menschen nach Ruhe sehnten. „Ritterhuhe hat genug Unruhe gehabt“, sagte sie. Die Explosion habe das Leben vieler Menschen verändert. „Wie bei allen schrecklichen Ereignissen bebt das noch lange nach“, sagte Geils. Das Sicherheitsgefühl vieler Bürger und auch ihr eigenes seien beeinträchtigt. „Ich glaube, das wird erst besser, wenn dort neue Wohnhäuser stehen.“
Das ehemalige Firmengelände ist im Besitz des bisherigen Eigentümers der Firma Organo Fluid. Pläne für die künftige Nutzung gebe es derzeit nicht, sagte Sprecher Klose.
Die niedersächsische Landesregierung versuchte, die Vorfälle mit einer Koordinierungsgruppe aus Vertretern der Ministerien für Inneres, Soziales und Umwelt aufzuarbeiten. Dabei wurden schwere Versäumnisse der Aufsichtsbehörden und des Unternehmens festgestellt. Als Konsequenz daraus stellte die Landesregierung ein Programm auf, das die Sicherheit bei der Genehmigung und Überwachung von potenziell gefährlichen Anlagen verbessern soll.
Zu den im September 2015 vorgestellten Maßnahmen zählen die Erstellung von Genehmigungskatastern, die Einführung eines Vier-Augen-Prinzips bei Änderungen der Anlagen sowie Personalzuwachs bei der Gewerbeaufsicht. Ein Bericht zum Stand der Umsetzung soll dem zuständigen Landtagsausschuss am 19. September vorgelegt werden.
„Das Explosionsereignis in Ritterhude muss als Warnung und Mahnung vor den Risiken industrieller Großanlangen zu weiteren Verbesserungen von Sicherheit und Schutz für Mensch und Umwelt führen“, sagte Umweltstaatssekretärin Almut Kottwitz laut Mitteilung bei einem Besuch des Firmengeländes. Die behördliche Überwachung solcher Betriebe werde intensiviert. Außerdem müsse die Zusammenarbeit zwischen allen betroffenen Behörden für die Sektoren Brand- und Explosionsschutz, Baurecht, Immissionsschutz und Gewässerschutz verstärkt werden.
