Brake - An einem sonnigen Tag im Mai 1914 beginnt die szenische Lesung „Kaiserwetter“, zu der am Mittwochabend das Schiffahrtsmuseum ins Haus Borgstede & Becker eingeladen hatte. Die Sprecher und Schauspieler Christian Kaiser, Franziska Mencz und Martin Leßmann verliehen bekannten und fast vergessenen Persönlichkeiten der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg eine neue Stimme.
Eine Aneinanderreihung von Zitaten zu einem neuen Werk erwartete die Zuschauer. Wolfgang Griep hatte „Kaiserwetter – ein Kaleidoskop zeitgenössischer Stimmen“ geschaffen. So hörte man Gottfried Benn über seinen Beruf in der Pathologie und seine Liebe zu Else Lasker-Schüler sinnieren, man bekam das Weltgeschehen in kurzen Zeitungsberichten präsentiert und man litt unter Franz Kafkas privater und beruflicher Zerrissenheit.
Die Nutzung von Originalzitaten webte ein dichtes Stück, welches zwar hohe Aufmerksamkeit erforderte, aber auch neue Kontexte schaffte und den Bruch in Leben und Gesellschaft ins Zentrum der Aufmerksamkeit setzte.
Liebe, Sorgen und Alltag wurden langsam überschattet vom Säbelrasseln, vom „Europa unter Waffen“. Die Suffragetten im Buckingham Palace oder der Untergang der „Empress of Ireland“ gerieten in Vergessenheit und Walter Gropius‘ Gedanken über Alma Mahler wirkten gleichzeitig eindringlich und bedeutungslos.
Mencz, Leßmann und Kaiser sprangen zwischen den Rollen und drehten mit jeder Szene das Kaleidoskop etwas weiter.
Als Bühnenbild reichten drei Stühle und zwei Tische, als Kostüme wechselnde Mäntel. Gekonnt präsentierten die Schauspieler im steten Wechsel das Innenleben, die Gefühle und Gedanken ihrer Protagonisten, lasen fast beiläufig aus der Zeitung und ließen keine Sekunde in ihrer Bühnenpräsenz nach. Ohne Innehalten wechselten sie dabei zwischen belustigenden und bedrohlichen Tönen, zwischen Freude und Angst.
Gut 90 Minuten lang steuerten sie auf den „Weltuntergang“ zu. Am Ende standen eine leere Bühne, ein Moment bedrückter Stille und schließlich lang anhaltender Applaus.
