Neu Delhi - Wo hört die Geschäftemacherei auf, und wo fängt der Betrug an? Betrug ist laut Duden „eine bewusste Täuschung, Irreführung einer Person“. Demnach werde ich in Indien ständig betrogen – oder es wird zumindest versucht.

Was in Deutschland als Pauschalisierung, Diskriminierung oder sogar Rassismus angesehen würde, ist in Indien alltäglich: Der weiße Europäer gilt als reich, weshalb von ihm meistens ein höherer Preis verlangt wird.

Obstverkäufer, Rikschafahrer oder Straßenhändler wittern sofort ein Geschäft. Doch wer mag es ihnen verdenken? Auch in Indien gibt es extrem reiche Menschen, doch das Gros der Bevölkerung stellen immer noch die Armen. Arm ist dabei nicht wie in Deutschland, wer rund 400 Euro Sozialhilfe im Monat bekommt. Arm ist hier, wer als Diener bei wohlhabenden Menschen 24 Stunden am Tag verfügbar sein muss und im Monat knapp 30 Euro verdient – wovon der Großteil der auf dem Land lebenden Familie überwiesen wird. Im Gegensatz zu den vielen Obdachlosen hat er immerhin ein Dach über dem Kopf.

Jeder möchte teilhaben am Reichtum des Westens. Der Blumenverkäufer, der mich eine Stunde lang durch Mumbai geführt hat, zum Beispiel. Es war Sonntag, er hatte frei, deswegen – sagte er – wolle er eine gute Tat vollbringen. Ich überlegte, ob ich ihm vielleicht einen kleinen Obolus zukommen lassen sollte, doch er kam mir zuvor: Ich könnte ihm eine Kinokarte spendieren, das wäre meine gute Tat für den Tag. Trotz der etwas eigenartigen Vorgehensweise gab ich ihm das Geld gerne.

Auch er muss kämpfen, wie all die kleinen Händler und Dienstleister. Die Konkurrenz ist groß: In jeder Straße gibt es etliche Obst- und Gemüseverkäufer. Vor fast jeder Metrostation warten mehrere Fahrrad- oder Autorikscha-Fahrer auf Kunden.


Manchmal sind die Verhandlungen mit ihnen ermüdend, vor allem, wenn ich nicht weiß, wie weit die Strecke ist und welcher Preis angemessen wäre. Fakt ist: Ich zahle praktisch immer zu viel. Denn der ausgehandelte Preis liegt generell über dem, den der Kilometerzähler anzeigen würde. Das Problem: Fast immer weigern sich die Fahrer, diesen anzustellen.

Das mag noch als Geschäftemacherei durchgehen, schließlich wird im Vorfeld ein Preis vereinbart. Kriminell wird es dagegen, wenn der Kilometerzähler manipuliert ist. Diese Erfahrung habe ich in Mumbai gemacht, als der Zähler eines Taxis nach geschätzten 300 Metern bereits 1,5 Kilometer anzeigte. Ich bin sofort ausgestiegen. Der Fahrer hat nicht einmal versucht, sich zu verteidigen.

Das ist zwar Betrug, allerdings im kleinen Stil. Beinahe wären zwei Freunde und ich auf Kriminelle hereingefallen, die uns im als „offiziell“ deklarierten Touristenbüro im Stadtzentrum Zugtickets zum völlig überteuerten Preis verkaufen wollten. Als sie angaben, es gebe nur noch auf dem Schwarzmarkt Fahrscheine, hatten sie jegliche Glaubwürdigkeit verspielt. Eine Stunde lang hatten wir mit ihnen nach der günstigsten Variante gesucht. Dabei hätte ein Blick in den Reiseführer genügt: Dort wird ausdrücklich vor diesem Touristenbüro gewarnt.

In diesem Fall waren wir klüger als die Betrüger. Und sollte ich mal wieder zu viel zahlen, denke ich an den Schriftsteller Johann Gottfried Seume: „Betrügen und betrogen werden, nichts ist gewöhnlicher auf Erden.“