Delhi - Wie viel ist ein Mensch wert? Genauer: Woran lässt sich der Wert eines Menschen bemessen? In Indien gilt das Kastensystem seit 1949 als abgeschafft. De facto zählt also jeder Mensch im zweitbevölkerungsreichsten Staat der Welt gleich viel. Ohne einen besonderen Fokus auf die Rolle ehemaliger Kasten zu legen, sehe ich in Delhi, der Hauptstadt dieses aufstrebenden Landes, zwei Welten. Delhi, das ist die Stadt der Diplomaten, Unternehmer und international orientierten Studenten. Delhi ist aber auch die Stadt der Bettler, Tagelöhner und Rikscha-Fahrer.

Die Englisch sprechende Elite wohnt größtenteils im Süden der Metropole. Amarsh, eine junge Geschäftsfrau eines Schweizer Textilunternehmens, erzählt mir über ihre Wohnsituation: „Es ist sehr ruhig. Wenn ich Besuch bekomme, schauen die Nachbarn nicht sofort, wer kommt.“ Diskretion und Ruhe: Amarsh isst in schicken Restaurants und kauft in internationalen Boutiquen ein.

Doch auch sie kann sich nicht komplett abschotten von der traurigen Realität in der Hauptstadt. Neben den reichen Wohnvierteln, in denen geschäftiges Treiben auf den Straßen herrscht, stehen die Siedlungen der Armen. Auf dem Weg zu einer indisch-deutschen Messe fuhr die Metro an einer vorbei. Kurz bevor ich ausstieg, konnte ich einen Blick auf die Wellblechhütten und Müllhalden werfen.

Direkt vor einem solchen Slum liegt auch meine Arbeitsstelle, eine nichtstaatliche Schule. Pradeep, einer der älteren Schüler, wohnt mit seiner Familie in einem Mehrfamilienhaus. Und er wohnt gleichzeitig im Slumgebiet. Zusammen mit seiner Schwester und den Eltern hat er ein winziges Zimmer; Waschraum und Küche teilt sich die Hausgemeinschaft. In dem Raum gibt es zwei Betten und einen Fernseher. Die Familie hat nicht viel zum Leben. Dennoch lädt sie mich zu sich nach Hause ein. Der Tee und die Kekse, die ich bekomme, schmecken hervorragend – sie kommen von Herzen.

Pradeeps Familie ist arm – zu den ärmsten zählt sie nicht. Am stärksten prallen die zwei Welten Delhis am Connaught Place, dem touristischen Zentrum, aufeinander. Direkt vor internationalen Modehäusern sitzen Straßenverkäufer. Direkt neben Indern mit einer McDonalds-Tüte in der Hand arbeitet ein kleiner Junge als Schuhputzer. Bettler gibt es hier überall. Sie flehen mich an den Eingängen zur Metrostation, an belebten Straßenkreuzungen oder auf meinem Rundgang um den Platz an.


Eine unangenehme Situation, nicht nur für mich. Ein kleiner Junge bettelt unweit von mir entfernt eine indische Familie an. Die Mutter stellt sich vor ihren Sohn, als wolle sie ihn vor dem anderen Kind beschützen. Wenig später kommt ein Polizist und vertreibt den kleinen Bettler.

Jeder Hauptstädter zählt gleich viel – jedenfalls in der Theorie. Doch es bleibt die Frage, woran man das erkennen kann. In der Praxis kämpfen die einen ums Überleben, die anderen um den nächsten lukrativen Auftrag. Delhi ist eine geteilte Stadt: Das Delhi der Kinder mit den aufgeblasenen Hungerbäuchen hat kaum etwas gemeinsam mit dem Delhi der Mercedes-Fahrer.