Salvador - Ein paar Meeresschildkröten ziehen behäbig ihre Bahnen in den großen Becken, eine schöne Fotokulisse. Aber der friedliche Eindruck trügt. In einem Schutzprojekt im Ferienort Praia do Forte nördlich von Salvador in Brasilien leben kranke Meeresschildkröten. Das Projeto Tamar bietet hier ein Refugium, damit die Tiere wieder zu Kräften kommen. Aber sie geben Rätsel auf.

Durch ein Herpes-Virus erkranken immer mehr Schildkröten an der sogenannten Fibropapillomatose. Dabei wachsen den Reptilien Tumore. Sie ist seit den 1930er Jahren wissenschaftlich beschrieben. Seit den 1990er Jahren beobachten Forscher eine weltweite Verbreitung.

Beim Projeto Tamar kämpft man gegen das Problem. „Wir haben das bislang ausschließlich bei den Grünen Meeresschildkröten beobachtet“, sagt Frederico Tognin. Er ist Biologe bei dem Projekt, das entlang der 7500 Kilometer langen Küste Brasiliens 22 Stationen unterhält, um den Lebens- und Brutraum der Reptilien zu schützen. Hauptfinanzier ist die brasilianische Regierung und der halbstaatliche Ölkonzern Petrobras. Bislang wurde nicht herausgefunden, warum nur diese eine Art betroffen ist.

In der Familie der Herpesviren gibt es viele verschiedene Typen, sie sind im gesamten Tierreich verbreitet. „Die Viren sind zunächst alle wirtsspezifisch“, sagt Michael Fehr, Direktor an der Klinik für Heimtiere, Reptilien, Vögel der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. „Das heißt, sie sind nicht übertragbar von einer Tierart auf die andere.“ Selbst innerhalb der Schildkrötenarten gibt es unterschiedliche Varianten.

Weltweit gibt es sieben Meeresschildkrötenarten, die in subtropischen und tropischen Gewässern leben. Sechs von ihnen führt die Weltnaturschutzunion IUCN auf ihrer Roten Liste. Bei der siebten Art ist die Datenlage zu dünn, um dies beurteilen zu können. Die Grüne Meeresschildkröte, die im Volksmund auch Suppenschildkröte genannt wird, ist in einigen Gegenden schon nicht mehr vorhanden.

„Das Aussterben ist leider ein realistisches Szenario“, sagt Mathias Ackermann, Virologe an der Universität Zürich. Das geschehe zwar nicht in erster Linie wegen des Erregers. Doch das Virus setzt den Tieren zusätzlich zu, beschleunigt so die Abnahme der Populationen. Er erforscht die Krankheit und sucht unter anderem einen Impfstoff gegen die Viren. Dazu ist er regelmäßig auf Hawaii. Dort sind fast 90 Prozent der Meeresschildkröten von Tumoren befallen.

Niemand weiß, wo und warum sich manche Schildkrötenarten häufiger mit dem Virus infizieren als andere. Das Virus ist in den Meeren von Natur aus vorhanden. Per se tödlich sind die Tumore nicht. „Diese sind mehrheitlich gutartig, langsam wachsend, selten invasiv und haben eine geringe Neigung zur Metastasenbildung“, sagt Ackermann.

Wird eine Schildkröte infiziert, wachsen ihr Tumore, meist außen, oft in der Nähe von Augen und Mund. So können die jagenden Arten in der Wahrnehmung so beeinträchtigt werden, dass sie nicht mehr in der Lage sind, auf Beutejagd zu gehen, oder zu fressen. Manche verhungern darum, andere ersticken. Viele Tiere mit Tumorbefall weisen zudem im Inneren Tumore auf. Befallen sind meist Herz, Lunge oder Nieren.