Carolinensiel - Es ist erst etwa ein Jahr her, dass wir des Endes des letzten Weltkrieges zum 75. Mal gedacht haben, und es gibt auch in der Nachschau immer noch Schicksale, die besonders anrühren. Dies soll nicht das Gedenken an die Abermillionen Opfer schmälern, jedoch gibt es auch eine nicht unerhebliche Zahl an Opfern, die durch die politische Verfolgung der damaligen Machthaber gestorben sind und deren Würdigung nach dem Krieg zunächst nur einen geringen Umfang, später aber doch zunehmende Beachtung – auch durch Veröffentlichungen und filmische Darstellungen – erlangt hat.
Das Schicksal, was in diesen Tagen unsere besondere Aufmerksamkeit verdient hat, ist jenes der Widerstandskämpferin Sophie Scholl, deren Geburtstag sich zum 100. Mal jähren würde und der lediglich ein kurzes Leben vergönnt war, weil ihre Überzeugung für eine humanere Gesellschaft sich mit den damaligen bestehenden politischen Verhältnissen nicht vereinbaren ließ.
Eine behütete Kindheit
Sophie Scholl wurde am 9. Mai 1921 in Forchtenberg bei Öhringen/Hohenlohe-Franken (nördliches Baden-Württemberg) als 4. von sechs Kindern von Magdalena (1881-1958) und Robert Scholl (1891-1973) geboren. Der Vater bekleidete dort zunächst einige Jahre die Position des Bürgermeisters (1919-1929). Da der Vater bei einer erneuten Wahl im Jahr 1929 nicht mehr als Bürgermeister wiedergewählt wurde, zog die Familie daraufhin nach Ludwigsburg, wo der Vater eine neue Position als Syndikus eines Wirtschaftsunternehmens übernahm. Zwei Jahre später ging es dann nach Ulm, wo er sich mit einer eigenen Kanzlei selbstständig machte.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Anfang 1933 musste Robert Scholl in zunehmendem Maß Schikanen des neuen Regimes ertragen, da sich seine humanistisch und pazifistisch geprägten Vorstellungen nicht mit den neuen Normen vertrugen und er vermehrt mit seinen eigenen Lebensvorstellungen in der völkisch geprägten Gesamtgesellschaft aneckte. Auch von Seiten der Mutter wurde das eigene christlich-humanistische Weltbild prägend in der Erziehung der Kinder. Die Kindheit war zunächst gegen den Widerstand des Vaters auch vom Durchlaufen der üblichen Jugendorganisationen des Regimes geprägt, wobei ein gleichzeitiges Engagement in der verbotenen sogenannten Bündischen Jugendbewegung um 1937 von den Nazi-Institutionen mit Sanktionen belegt wurde. In diese Zeit fallen auch Erlebnisse und Erfahrungen in Norddeutschland sowie im Harlingerland: Sophie Scholl hat mit ihrer Schwester Inge (1917-1998) im Sommer 1938 einige Tage Ferien an der Nordsee unter anderem in Carolinensiel verbracht.
Kutterfahrt am frühen Morgen
Dieses kam zustande, da die ältere Schwester Inge in Bremen-Lesum als Hausmädchen bei einer Familie Eggers angestellt war. Über eine Krabbenkutterfahrt von Wilhelmshaven aus ins Wattenmeer, die sie über ihre Unterkunft in Carolinensiel organisierten, schrieb sie: „…Wir genossen alles unsagbar, besonders die Nordsee bis zum Brechreiz.“ Und weiter: „… Wie wir dann auf dem Wattenmeer waren (Anmerkung: der Kutter fuhr um 3 Uhr nachts los), sah man schon keinen Stern mehr, und wie wir hinter den Inseln waren, ging die Sonne auf. Es war furchtbar kalt, hauptsächlich wegen des Windes, und Lisa (Remppis, Anmerkung: eine Freundin) und ich umschlungen das Kamin. … Wir aßen noch Brote, bis wir voll waren, und beobachteten die wechselnden Farben, die das Meer annahm. … Dann holte man zum ersten Mal die Netze ein, und wir sahen interessiert zu, langten jedes Fischlein an und sammelten alle Krebse zu einem Krebskrieg. Die Seesterne sammelten wir auch. Die Fische wurden alle wieder hinausgeworfen, und sie waren von den Möwen verschluckt, ehe sie das Wasser berührt hatten. Die großen Krabben kochte man gleich, und der Dampf stank ekelhaft. …“.
Norddeutsche Lebensart konnte Sophie Scholl dann auch noch in Worpswede genießen, wo sie im Sommer 1939 noch einige Wochen verbrachte, da die Eltern mit Familie Vogeler, die den Aufstieg Worpswedes zum Künstlerdorf Ende des 19. Jahrhunderts mit einleitete, befreundet waren.
Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ 1942 gegründet
1940 machte Sophie Abitur und folgte ihrem älteren Bruder Hans (*1918, studierte Medizin) im Mai 1942 zum Studium der Biologie und Philosophie nach München, nachdem sie zuvor eine Ausbildung zur Kindergärtnerin absolviert hatte. Nach und nach fanden die Schrecken des Krieges auch in der studentischen Lebenswirklichkeit Einzug. Im Juni 1942 gründete ihr Bruder Hans mit einigen wenigen Mitstudenten die Widerstandsbewegung „Weiße Rose“, die die Bevölkerung auf die Unmenschlichkeit des Krieges und des Regimes aufmerksam machen wollte. Sophie war in den ersten Monaten in diese Bewegung nicht involviert, wurde jedoch aufgrund der teilweise grausamen Kriegsschilderungen ihres Freundes Fritz Hartnagel (1917-2001) –mit dem sie seit 1937 liiert war – als Offizier an der Ostfront im Kessel von Stalingrad (Sommer 1942 bis Februar 1943 mit einer Million Opfern) immer betroffener und agierte später sogar zeitweise als Co-Autorin der zu verteilenden Flugblätter.
Insgesamt wurden sechs Flugblätter erstellt und verteilt, die die Mitstudenten und auch die Deutschen insgesamt zum Widerstand gegen die bestehenden teilweise unmenschlichen Umstände aufrufen sollten.
Das Wintersemester 1942/43 in München, ihrer Wirkungsstätte nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin, war dann von intensiver Arbeit geprägt, allerdings wohl weniger für das Studium, sondern mehr für die „Weiße Rose“, für die gemeinsamen Ziele einer gesellschaftlichen Umkehr hin zu einem menschlicheren Miteinander. In diese Zeit im Herbst 1942 fällt auch eine Denunziation des Vaters durch einen Mitarbeiter seiner Steuerberaterkanzlei in Ulm. Vater Scholl musste dafür einige Wochen in Haft und wurde nur auf Bewährung vorzeitig entlassen.
„Ein neues geistiges Europa“
Der Weg in die eigene Haft in München-Stadelheim und den damit verbundenen Verlust des eigenen Lebens gestaltete sich dann wie folgt: Im Januar 1943 war Sophie Scholl erstmals an der Herstellung eines Flugblattes beteiligt, welche neben München auch in Köln, Stuttgart, Berlin und Wien verteilt wurden. Diese erregten größeres Aufsehen insbesondere in der studentischen Bevölkerung und führten bei den zuständigen Behörden zu erhöhten Fahn-dungsmaßnahmen nach den Urhebern. Erste Vermutungen führten die Gestapo in die studentischen Kreise Münchens. Da hinein platzte das nunmehr 6. Flugblatt, welches ab Mitte Februar 1943 verteilt wurde. Der Aufruf richtete sich auf den Sturz des Regimes und der Errichtung eines „neuen geistigen Europas.“ Durch den Widerstandskämpfer Helmuth James Graf von Moltke (1907-1945) gelangte das Flugblatt nach Großbritannien, wo es – nach dem Tode Sophie Scholls – unter anderem im Herbst 1943 nachgedruckt und von britischen Flugzeugen über Deutschland abgeworfen wurde.
Todesurteil am selben Tag vollstreckt
Am 18. Februar 1943 wurde Sophie Scholl gemeinsam mit ihrem Bruder Hans bei einer Verteilaktion in der Münchener Universität vom Hausschlosser Jakob Schmid erwischt und dem Rektorat der Universität übergeben. Nach einem mehrstündigen Verhör durch den Syndikus und den Rektor wurden beide verhaftet und der Gestapo in München, Brienner Straße übergeben.
Aus Berlin kam am 22. Februar extra Volksgerichtshof-Richter Roland Freisler (1893-1945) angereist, der alleine 2500 politische Todesurteile zu verantworten hatte und insbesondere durch die Verhandlungen gegen die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 auch allgemein bekannt wurde. Er übernahm den Vorsitz des nun angestrebten Verfahrens wegen „landesverräterischer Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat und Wehrkraftzersetzung.“ Sophie, Hans und Christoph wurden schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Die Urteile wurde am selben Tage noch durch den ebenfalls deutschlandweit bekannten letzten deutschen Scharfrichter Johann Reichhart (1893-1972) mit der Guillotine vollstreckt.
Sie wurden auf dem Friedhof Perlacher Forst nahe der JVA München-Stadelheim beigesetzt. Seit den 1960er-Jahren erfolgte eine umfangreiche Würdigung insbesondere der Geschwister Scholl durch die bundesweite Benennung von Schulen, Straßen und Plätzen, Auslobung von humanitär motivierten Preisverleihungen, Herausgabe von Briefmarken, aber auch eine inhaltliche Aufarbeitung durch verschiedenste Print-Publikationen und filmische Erzeugnisse.
