Middels/Wittmund - Plötzlich verstand sie die Welt nicht mehr. Sie wachte mitten in der Nacht auf und war auf beiden Ohren taub. Im November 2013 verlor Annchen Oltmanns aus Middels ihr Gehör. Wie aus dem Nichts, mit 59 Jahren. Eine Erklärung gibt es dafür nicht. Aber eine Lösung. Ein Cochlea-Implantat lässt sie wieder Geräusche, Klänge, Wörter verstehen. Bis hierhin war es ein langer Weg.
Zunächst denkt Annchen Oltmanns an eine Grippe. Sie fühlt sich an einem Freitag im November 2013 schlapp. „Ich konnte überhaupt nicht mehr“, erzählt sie. Eine Freundin bringt sie ins Krankenhaus nach Wittmund. Dort bricht sie zusammen, fällt ins Koma, wird ins Krankenhaus nach Sanderbusch verlegt. Es sind Dinge, die Annchen Oltmanns nicht mitbekommt, sie kennt sie nur aus Erzählungen.
Nach vier Tagen wacht die 59-Jährige auf. Sie hat eine Meningitis, eine Entzündung der Hirnhäute. Es geht schnell bergauf. Doch dann der Rückschlag. „Ich bin nachts wieder zusammengebrochen“, sagt sie. Es ist jene Nacht, in der sie ihr Gehört verliert. Sie wird nach Oldenburg verlegt, später nach Hannover. Die Diagnose: Die Entzündung ist nicht abgeheilt. „Der Kopf war voll Bakterien und musste ausgespült werden.“ Oltmanns hört weiter nichts. Die Ärzte malen und schreiben auf ein Tablet-Computer. Dort liest Annchen Oltmanns zum ersten mal von einem Cochlea-Implantat. „Das war für mich ein Fremdwort.“
Die Ärzte erklären den Aufbau. Dass es einen sichtbaren und einen nicht sichtbaren Teil gibt. Dass das Implantat mit der Elektrode für die Hörschnecke bei einer Operation hinter dem Ohr in den Schädelknochen eingesetzt wird. Es geht um Technik. Und um die Hoffnung, wieder hören zu können. Annchen Oltmanns entscheidet sich für eine Operation. „Sonst wäre mir nur die Gebärdensprache geblieben“, sagt die Hausfrau. Ihr Hörvermögen wäre bei Null geblieben. Sie wäre taub. Annchen Oltmanns erhält zwei Implantate – eines am linken, eines am rechten Ohr. Und sie hört auch nach der Operation – nichts. Vier Wochen muss die Wunde verheilen. Erst dann kann der Sprachprozessor aufgesetzt werden.
In dieser Zeit erhält sie viel Unterstützung von ihrer Familie, von ihren Freunden. Sie ist gerührt, wenn sie davon erzählt. Da ist eine Sache, die sie nie vergessen wird. Am 11. Januar 2014 hat eine Freundin Geburtstag. Natürlich ist Annchen Oltmanns dabei. Freunde organisieren für sie einen Fahrdienst. Beim Geburtstagskind angekommen, liegen neben jedem Gedeck Stift und Block. So kann jeder Annchen Oltmanns eine Botschaft schreiben. Als Oltmanns das sieht „hatte ich Tränen in den Augen.“ Oltmanns ist weiter bei den Landfrauen und beim Sport. Unter Leuten zu sein, tut ihr gut. Nach vier Wochen bekommt Oltmanns den Prozessor aufgesetzt. Er wird wie ein Hörgerät am Ohr getragen. Das erste, was sie hört, ist ein Piepen. Langsam fängt es an und steigt sich, wird lauter. Die Implantate werden so von den Experten eingestellt. Sie werden täglich überprüft und angepasst. Die Höraufgaben werden komplexer. Es folgen Tiergeräusche, später einzelne Wörter, erste Sätze. „Nach der Operationen muss man erst wieder lernen, zu hören“, erklärt die Frau aus Middels. „Man hört jemanden reden, aber versteht nicht“, schildert sie das Problem.
Sie liest sich selbst Texte vor, spricht die Dinge laut aus. So gewähnt sie sich an ihre eigene Stimme, die ganz anders klingt als gewohnt. Sie hört Radio und schaut Fernsehen. Sie lernt, Sprache wieder zu erkennen. Annchen Oltmanns besucht eine Reha in Bad Berleburg, Dort erhält sie Einzel- und Gruppentraining. Es ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zurück ins Leben der Hörenden.
„Im ersten Jahr war es ein total fremdes Hören“, erinnert sich die 66-Jährige. Stimmen aus ihrer Familie, von guten Freunden klingen anders, sie sind ihr fremd. „Das sind nicht eure Stimmen“, sagt sie. Die Stimmen klingen wie von einem Computer verzerrt. „Man hört elektronisch“, versucht die Implantatträgerin ihr Empfinden in Worte zu fassen. Bei jedem Telefonanruf schaut sie aufs Display. Wer ruft sie an? Mit welcher Nummer? Den Anrufer an der Stimme erkennen? Das klappt nicht. „Ich konnte nicht unterscheiden, ob eine Frau oder ein Mann spricht.“
Inzwischen hat sich die 66-Jährige dran gewöhnt. Mit den Implantaten erreicht sie ein Hörvermögen von 75 Prozent. Probleme gibt es nur noch bei fremden Stimmen. Sie ist darauf angewiesen,dass deutlich und laut gesprochen wird. Einzelne Wörter machen ihr zu schaffen. Meinte er jetzt Kopf oder Topf? Heißt es dann oder wann? Annchen Oltmanns ist insgesamt froh, dass sie sich zu der Operation entschlossen hat. „Ich bin im Moment sehr dankbar und zufrieden.“
