Wittmund - Sie kommen aus Ostpreußen, Vietnam oder Afghanistan. Sie haben eines gemeinsam: Es sind Menschen, die es von der Nachkriegszeit bis heute im Harlingerland „angespült“ hat. Von ihren Geschichten handelt die Dokumentationsschrift „Angespült und angekommen“. Sie wurde in der Interkulturellen Woche vorgestellt. Der Verein „Hand in Hand – Förderkreis für Flüchtlinge in Wittmund“ hatte in der Residenz zu einem Projektbericht mit Lesung und Kurzvorträgen eingeladen.
Das Programm zur Interkulturellen Woche gibt es hier.
Die beiden Autoren der Schrift, Angelika Scharfenberger und Rainer Köpsell, haben recherchiert, gesprochen, zugehört, geschrieben, überarbeitet und schließlich 43 Geschichten von Menschen und Familien festgehalten, die das Schicksal aus einer näheren oder weit entfernten Heimat nach Ostfriesland geführt hat. Ob nun aus Ostpreußen, Schlesien, der DDR, Vietnam, Sri Lanka, Kurdistan, Russland, dem Balkan oder neuerdings meist aus Afrika und dem Vorderen Orient gekommen – alle fanden bei den Autoren Gehör, und ihre persönliche Geschichte wurde aufgeschrieben. Wenn Fotos von Erinnerungsgegenständen, Gebäuden, Landschaften, Karten mit Fluchtrouten oder das Hochzeitsfoto aus der alten Heimat vorhanden waren, und die Menschen zustimmten, fanden sie als Abbildungen einen Platz in der Dokumentationsschrift.
Ergreifende Geschichten
„Die Interviews mit den Menschen und ihre Geschichten waren sehr, sehr interessant, manchmal so ergreifend, dass auch Tränen kamen, und wir lange Gesprächspausen machen mussten. Aber letztlich haben wir alles aufgeschrieben und die Genehmigung der Befragten, es zu veröffentlichen“, erzählte Angelika Scharfenberger. Sie war Lehrerin in Wittmund und ist nach ihrer Pensionierung im Verein „Hand in Hand – Förderkreis für Flüchtlinge in Wittmund“ in der Sprachförderung und Flüchtlingsbetreuung aktiv. Anschließend gab sie einige Leseproben aus der Dokumentationsschrift. Zum Beispiel den Bericht von Elisabeth Ahrens, geb. Pollak, aus Schlesien, die als Jugendliche mit ihrer Familie aus der Heimat vertrieben wurde. Gepfercht in Viehwaggons und mit Massenentlausungen auf Bahnhöfen wurde sie geradezu verfrachtet, so war es da zu hören.
Irgendwie ging es weiter
Das Schicksal oder verwandtschaftliche Kontakte führten alle Protagonisten der Dokumentation nach Wittmund oder Umgebung. Hier ging es irgendwie weiter auf den verschiedenen Lebenswegen. So etwa für Karl-Heinz Krüger aus Landsberg an der Warthe, der bei der Lesung berichtete. Oder für Familie Tri Ding Nguyen, „Boatpeople“ aus Vietnam, deren Geschichte Angelika Scharfenberger danach vortrug. Auf weitere Phasen und Wellen von Flucht und Migration, die Menschen in Ostfriesland „anspülten“, sagte Rainer Köpsell, bevor Elnaz Anadi Safa und Mohammad Ali Mahmoudzadeh aus dem Iran erzählten, wie sie als junge, kritische Menschen die Verhältnisse für die Umwelt und die Bedingungen für Frauen im Lande verbessern wollten. Vom Regime wurden sie deshalb verfolgt und mussten fliehen. Das spürbare Heimweh der beiden jungen Menschen und der Schmerz, ihre Familien nicht mehr sehen zu können, machte die Zuhörer still und ergriffen.
Projekt für Leser zugänglich machen
Angelika Scharfenberger und Rainer Köpsell planen, die 294-seitige Dokumentationsschrift zu einem Buch umzugestalten, um sie so einer größeren Leserschaft zugänglich zu machen. Elke Janßen, die Vorsitzende von „Hand in Hand – Förderkreis für Flüchtlinge in Wittmund“, wünschte viel Erfolg und sagte zu, das Projekt weiter zu begleiten.
