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Interview mit prof. Dr. Stefan heinemann „Die digitale Medizin ist die zentrale Chance“

Wittmund - Die Digitalisierung hält in allen Lebensbereichen Einzug – auch in der Medizin. Stefan Heinemann ist Professor für Wirtschaftsethik. Er ist am Mittwoch, 11. März, beim 1. Gesundheitskongress in der Stadthalle Wittmund zu Gast und spricht über Wirkung, Qualität und Menschlichkeit in der digitalen Medizin. Wir haben vorab ein Interview mit ihm geführt.

Herr Prof. Dr. Heinemann, wir sind hier in Ostfriesland. Hier gibt es einen Fachkräftemangel, fehlen Ärzte und Pfleger. Werden Computer und Roboter diese Probleme lösen können?

Heinemann: Eines muss klar sein: Man muss als Mensch für die Lösung von Problemen der Versorgung selber Verantwortung übernehmen. Man kann sich zur Lösung dieser Probleme natürlich Hilfsmitteln und Instrumenten bedienen. Solange das verantwortlich geschieht und man eine entsprechende Wertegrundlage hat, halte ich das sogar für ethisch geboten.

In welchen Bereichen kann die Technik Ärzte entlasten?

Heinemann: Natürlich ist es gut, wenn Ärzte, Pflegende etc. entlastet werden. Zumal, wenn sie im ländlichen Raum knapp sind. Es geht aber vor allem um den Patienten und seine Angehörigen. Das ist der Mittelpunkt der ärztlichen Ethik und das muss er in der Digitalisierung auch so bleiben. Die zentrale Frage ist: Wird die Digitalisierung eher der Treibsand, der dafür sorgt, dass wir aus einer Sieben-Minuten-Medizin eine Drei-Minuten-Medizin machen? Das kann es nicht sein. Oder schafft die Digitalisierung Raum für mehr Menschlichkeit? Das wäre der wünschenswerte Weg.

Welche Rolle spielen dabei Daten?

Heinemann: Früher hat man den Menschen gesagt: Essen Sie vernünftig, machen Sie viel Sport. Dann wird das mit der Gesundheit schon klappen, zumindest, solange Dispositionen nicht hart dagegen laufen. Jetzt haben Sie mit den ganzen erhobenen Gesundheitsdaten einen besseren objektiven Zugriff und können Dinge besser und früher steuern, selbst und gerade bei kritischen Dispositionen. Zudem: Auch wenn Sie kurz davor sind, zu erkranken, können Sie mit einer besseren Datenlage viel besser intervenieren. Das hat für Patienten einen hohen Wert. Wenn, und nur wenn gute Daten vorhanden sind. Ohne harte, valide, saubere klinische Daten kann keine künstliche Intelligenz (KI) erfolgreiche Beiträge zur Prävention, Diagnose oder gar Therapie leisten.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Heinemann: Da ist zum Beispiel die Brustkrebserkennung. Künstliche Intelligenz könnte einer wissenschaftlichen Studie zufolge bei der Früherkennung helfen. In der Studie hat die KI bösartige Tumore zuverlässiger erkannt als Radiologen. Das KI-Model wurde mit mehr 90 000 Mammografie-Aufnahmen darauf trainiert, Tumorgewebe zu erkennen. Aber solche Ergebnisse kommen erst nach und nach in der Versorgungsrealität an – Am Ende ist die Kombination aus Mensch und Maschine das Erfolgsmodell. Der Arzt trägt die Verantwortung, hat ein Modell der Welt und Empathie für seine Patienten, aber muss auch digitale Kompetenzen erwerben.

Bei der künstlichen Intelligenz handelt es sich um lernende Maschinen. Wie kriegt man die so gut trainiert?

Heinemann: Die Basis muss stimmen. Die Daten müssen gut, valide und kuratiert sein. Eine künstliche Intelligenz lernt mit schlechten Daten genauso schlecht wie ein Mensch, der keine guten Lehrer hat.

Kann also ein Computer bald den Arzt ersetzen?

Heinemann: Die Chance ist nicht, dass ich einen Experten dadurch ersetzen kann. Das wäre falsch. Ein Mensch muss verantwortlich entscheiden und handeln. Eine Kombination aus erfahrenen Radiologen und künstlicher Intelligenz ist richtig gut. Denn ein Radiologe findet Tumore, die wiederum die künstliche Intelligenz nicht entdeckt. Er kommt auf Ideen, aber die KI kann ihn dabei unterstützen. Deswegen wird die KI in der Medizin so ernst genommen.

Bei all den wachsenden technischen Möglichkeiten: Inwiefern hält die Ethik mit der Entwicklung Schritt?

Heinemann: Ethik soll die Zukunft positiv gestalten. In der Realität ist es aber oft anders. Da ist man technologisch oft schon weiter und erst dann schaut man nach der Ethik. Das ist ein Problem. Schon wenn man Produkte entwickelt und auf neue konzeptionelle Gedanken kommt, sollte man den ethischen Aspekt bedenken. Daher gehört Ethik auch in die Medizinerausbildung und in die Industrie. Und sie sollte die Basis der Regulierung bilden, was zumindest in Europa auch zunehmend diskutiert wird und geschieht. Aber auch global sind immer mehr Unternehmen auf dem Weg, KI an ethische Grundsätze zu binden. Die Schlüsseltechnologie der Zukunft darf in der Tat nicht im wertfreien Raum entwickelt, weiterentwickelt und eingesetzt werden.

Die technischen Möglichkeiten auf der einen, die ethischen Fragen auf der anderen Seite. Das führt sicherlich zu einem großen Spannungsfeld.

Heinemann: Auch ich bin wirklich zerrissen. Auf der einen Seite ist die glaubhafte Hoffnung auf Heilung. Wenn Sie durch eine Krebsstation gehen, wollen Sie mit den Patienten nicht über Datenschutz diskutieren. Dann wollen Sie Heilung. Erst recht, wenn Sie selbst betroffen sind. Auf der anderen Seite steht dagegen natürlich die große Frage: Was passiert, wenn ein Moment kommt, in dem wir bei der Technik nicht mehr nur über ein Instrument reden? Starke KI scheint mir nicht prinzipiell unmöglich.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die Grenzen?

Heinemann: Wenn eine künstliche Intelligenz mit Bewusstsein entsteht, wissen wir nicht, was das bedeutet. Möglicherweise nimmt uns diese KI ins Gebet und sagt: Ihr hättet mich aus ethischen Gründen gar nicht entwickeln dürfen. Wir wissen es nicht. Das ist Science Fiction. Aber diese Frage muss man sich stellen. Vor 50 Jahren hat man auch vieles für Science Fiction gehalten, was wir heute täglich in der Hand halten. Der Hinweis auf Science Fiction ist kein Argument, sich nicht damit auseinanderzusetzen. Ganz im Gegenteil.

Viele Menschen sorgen sich wegen der Technik. Sie befürchten, dass sie eines Tages doch den Menschen ersetzt.

Heinemann: Es wäre falsch, die Technik zu verteufeln, weil man Angst davor hat, dass Ärzte und Pfleger ersetzt werden. Für diese Berufsgruppen soll Technik den Alltag erleichtern. Sie soll ihren Job erfolgreicher machen. Und es soll Geld ins Gesundheitssystem bringen. Aber gutes, verantwortbares Geld.

Das heißt?

Heinemann: Apple wird Krankenhäuser bauen, bei Amazon kriegen wir Versicherungen, und bei Walmart eine Zahnprophylaxe. Das sind alles nur erste Schritte. Es ist völlig klar, dass Interesse an Deutschland mit einem der größten Gesundheitsmärkte der Welt besteht. Dann ist die Frage, wer in diesem zukünftigen Markt wie spielen wird. Damit kann man mit harter Regulierung antworten und versuchen vieles zu verbieten. Das ist nicht sinnvoll und gefährlich, weil sich am Ende Nutzen und Bequemlichkeit durchsetzen wird. Studien deuten an, dass das Problem der Digitalisierung weniger die Angst davor ist. Es ist vielmehr, dass die Menschen den Nutzen nicht erkennen. Die Technikunternehmen verstehen den Nutzen, sie verstehen Kunden. Das tun deutsche klassische Spieler in den Gesundheitsmärkten noch nicht in diesem Maße. Es ergibt also Sinn, sich – was in Deutschland aktuell auch geschieht – gesetzlich zu öffnen, aber verantwortbar. Das heißt im klaren ethischen Rahmen.

Sie haben das Geld angesprochen. Wie groß ist die Gefahr, dass durch die Technik eine Zwei-Klassen-Medizin entsteht?

Heinemann: Die Hoffnung ist eher, dass die Digitalisierung dazu führt, dass Spitzenmedizin auch in der Breite ankommen kann. Heute ist es anders, da haben wir zwei Währungen: Cash oder Sozialkapital. Cash bedeutet, dass Sie Selbstzahler sind. Sozialkapital bedeutet, dass Sie ein Privileg haben, beispielsweise berühmt sind, und dadurch den Zugang zur Medizin haben. Und es gibt die große Mitte. Wir haben in Deutschland Glück, dass es so viele gute Mediziner gibt. Aber letztlich ist es eben doch nicht so gerecht, wie man es von einem solidarisch finanzierten Gesundheitssystem erwarten dürfte. Es führt eben nicht dazu, dass alle Profis glücklich arbeiten, die Institutionen in fairem Wettbewerb stehen, effizient und innovativ versorgt wird und Patienten gerechten Zugang haben.

Was kann die die Digitalisierung daran ändern?

Heinemann: Versorgung verbessern in Qualität, Verfügbarkeit und Effizienz. Für Patienten und Mitarbeitende im Gesundheitswesen.

Und welche Rolle spielt die Digitalisierung im Kleinen?

Heinemann: Gerade in ländlichen Regionen, wo die Menschen keinen Arzt vor der Haustür haben, bietet zum Beispiel die Telemedizin eine Chance. Daher müssen auch gerade ältere Menschen viel stärker in die digitalen Themen, was Gesundheit und Medizin angeht, eingebunden werden, damit sie jene vernünftig nutzen können. Diese Strukturen entstehen in Deutschland erst sehr langsam. Trotzdem halte ich die digitale Medizin für die zentrale Zukunftschance.

Gesundheitskonferenz in Wittmund

Anke Laumann
Anke Laumann Regionalleitung Ostfriesland / Anzeiger für Harlingerland / Jeverland-Bote
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