Wittmund/Esens - Der designierte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ist für eine allgemeine Impfpflicht gegen das Coronavirus und will darüber im Bundestag ohne Fraktionszwang abstimmen lassen. Er sagte, die Impfpflicht könnte im Februar oder Anfang März nächsten Jahres in Kraft treten, jeder könne sich darauf einstellen. Mit dem Thema beschäftigt sich auch die Kreisärzteschaft in Wittmund. Deren Sprecher Dr. Wolfram Nagel spricht sich wegen der aktuellen Corona-Lage dafür aus: „Ich neige zunehmend dazu, eine allgemeine Impfpflicht zu befürworten.“
Allerdings betrachtet der Esenser Arzt die Situation differenziert. Einerseits seien die Freiheitsrechte jedes einzelnen Bürgers individuell zu achten. Jeder habe grundsätzlich das Recht, für sich persönlich auch gesundheitlichen Schaden in Kauf zu nehmen.
Hinzu komme, dass berufsethisch und auch in „unserem Solidarsystem kein Schuldprinzip je die ärztliche Versorgung beeinflussen darf“. Das habe zum Beispiel zur Folge, dass der Ungeimpfte selbstverständlich das gleiche Recht auf optimale Versorgung habe wie der Geimpfte.
Allerdings müsse derzeit die gesamte Gesellschaft darunter leiden, dass sich zu viele Bürger bisher nicht haben impfen lassen. Das zeigten die Todesopfer, die neuen Erkrankungen und die Einschränkungen in den sozialen Möglichkeiten, die jetzt wieder spürbar werden.
Der Esenser Arzt listet in diesem Zusammenhang auf:
Es sterben Menschen.
Das Gesundheitssystem kommt an seine Grenzen, sodass z.B. Operationen aufgeschoben werden müssen.
Es gibt für alle Beschränkungen in den sozialen Möglichkeiten.
Die Kinder leiden in besonderer Weise.
Wir erleben ein höheres und verändertes Konfliktlevel in den zwischenmenschlichen Beziehungen.
Die Mitarbeiter im Gesundheitswesen tragen einen großen Anteil der Last. Manche schaffen das nicht mehr.
Die Kosten der Pandemie tragen alle in der Gesellschaft.
Offensichtlich sei es bisher nicht gelungen, genug Menschen vom Sinn des Impfens zu überzeugen
Thema Impfpflicht kann die Gesellschaft spalten
„Welche Werte wiegen ethisch nun mehr?“, fragt Dr. Nagel. Er neige zwar dazu, die Impfpflicht zu befürworten. „Dabei muss ich einräumen, dass wir offensichtlich nicht in der Lage waren, hinreichend viele Menschen von den eigentlich sehr klaren Fakten zur Sinnhaftigkeit des Impfens zu überzeugen“, so der Vorsitzende der Kreisärzteschaft.
Zwar könne man noch nicht alle Folgen kennen. „Aber nach allem was wir wissenschaftlich wissen, überwiegt der Vorteil der Impfung doch so gravierend gegenüber allen vielleicht vorstellbaren Nachteilen, dass ich die Pflichtimpfung für eine vertretbare und verhältnismäßige Zumutung an alle Bürger halte“, so Dr. Nagel.
Hinzu komme, dass vermutlich ein größerer Teil der Ungeimpften nicht ideologisch fixiert sei, sondern unsicher, ob man sich und seiner Familie nicht doch irgendwie schaden könnte durch die Impfung. Dr. Nagel schreibt dazu: „Da ich dieses Risiko für weitaus geringer halte als die Erkrankung (die ansonsten jeden Ungeimpften irgendwann treffen muss!), würde die Impfpflicht vielen Bürgern die Last der Entscheidung abnehmen. Manche wären womöglich dankbar, dass das Thema Corona-Impfen für sie dann endlich erledigt ist.“
Er sei sich bewusst, dass die Pandemie und auch das Thema Impfpflicht das Potenzial habe, die Gesellschaft zu spalten. Dies geschehe aber auch, wenn wir die Pandemie noch weiter „gewähren lassen“.
In der Menschheitsgeschichte sei das wohl einzigartig, dass für eine Seuche „diesen Ausmaßes so zeitnah ein hochwirksames Mittel (Impfung) zur Verfügung stand. Dafür können und sollten wir auch dankbar sein. Hätten wir hinreichend überzeugen können und die Politik eindeutige Aussagen gemacht, bräuchten wir wohl keine Impfpflicht“, so Dr. Nagel.
