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Medizin Gott war der erste Anästhesist der Welt

Wittmund - Hat Dr. Hagen Behnke eine göttliche Gabe? Man könnte diese Frage wohl mit ja beantworten, wenn man einen Blick in die Bibel wirft. Denn der erste Anästhesist der Welt war Gott höchstpersönlich: Er versetzte Adam in einen tiefen Schlaf, bevor er ihm die Rippe entnahm. Der Chefarzt der Anästhesiologie, Intensiv- und Schmerzmedizin sowie Notfallmedizin am Krankenhaus Wittmund vergleicht seine Arbeit aber auch gern mit der eines Piloten: Anästhesie, sagt er, ist wie ein Flugzeug fliegen – das gefährlichste sind der Start und die Landung.

Elf Fachärzte in der Wittmunder Klinik

Und ja, wenngleich es für den Außenstehenden so aussehen mag, dass der Anästhesist den entspanntesten Job im Operationssaal hat, ist es für den 59-Jährigen das größte Kompliment, wenn jemand zu ihm sagt, seine Arbeit würde mega langweilig aussehen. „Denn dann habe ich alles richtig gemacht, alles im Griff gehabt“, erklärt der Mediziner lachend. Elf Fachärzte der Anästhesie – allesamt auch Notfallmediziner – gibt es im Krankenhaus Wittmund. Sie alle sorgen dafür, dass es nicht zu Zwischenfällen bei den Operationen kommt und der Patient nicht zu früh wach wird.

Die Zusammensetzung der Narkose, so Behnke, ist immer ein Cocktail aus mehreren Medikamenten – eines für den Schlaf, eines gegen die Schmerzen und eines zur Entspannung der Muskeln. Mit einem Blick in die Geschichte mag man sich nicht vorstellen wollen, welche Schmerzen Menschen früher bei Operationen ertragen mussten. „Es wurde oftmals Opiumsaft verabreicht. Um aber zu überleben, war es wichtig, einen schnellen Operateur zu haben – wegen des Blutverlustes“, erklärt der Mediziner. Nicht selten wurde der Patient auch mit Alkohol sediert. Mitte des 19. Jahrhunderts berauschten sich Studenten auf ihren Partys mit Lachgas. Bei diesen ausschweifenden Abenden verletzten sie sich nicht selten, ohne es zu merken. So stellten sie fest, dass diese Substanz zur Betäubung geeignet ist. Der Chirurg und Hochschullehrer August Bier (1861 - 1949) erfand dann die Regionalanästhesie. Im Selbstversuch ließ er sich eine Rückenmarksbetäubung verabreichen.

„Jede Narkose stellt einen erheblichen Eingriff in die lebenswichtigen Funktionen des Patienten dar“, sagt Dr. Behnke. Damit dem Patienten dadurch kein Schaden entsteht, müssen die Ärzte eine fünfjährige Facharztweiterbildung absolvieren. Moderne Technik ermöglicht eine genaue Dosierung des Medikamentencocktails.

Und so sind die Narkosen heute weniger belastend. „Es lässt sich super steuern. Wenn ich weiß, dass es dem Patienten wehtun wird, füge ich mehr Schmerzmittel hinzu. Es braucht eben Erfahrung, um richtig zu sedieren“, sagt der Arzt. Es sei ein Unterschied, ob ein durchtrainierter Mann 130 Kilo wiege und eine Menge Muskelmasse habe oder ein Mann mit demselben Gewicht eher fettleibig ist. „Ich gucke mir die Menschen immer sehr genau an, und vor allem nehmen wir uns Zeit für das Narkosegespräch“, sagt Hagen Behnke. Zeitnah vor den Eingriffen obliegt es nämlich den Anästhesisten, den Patienten aufzuklären.

Bei diesen Frage-Antwort-Runden hört Hagen Behnke auch lustige Fragen. „Doktor, muss ich sterben?“ „Wache ich zwischendurch auch nicht auf?“ „Muss ein Narkosearzt Medizin studieren?“ „Verrate ich in der Narkose auch nicht die Nummer meiner EC-Karte und schnarche ich?“ Nein, der Chefarzt räumt nicht die Konten seiner Patienten ab. „Die Wirkung der Narkosemedikamente verhindert es, dass der Patient überhaupt sprechen oder auch schnarchen kann“, sagt der Mediziner.

Es ist wohl auch der Kontrollverlust, der den Menschen Sorge bereitet. Denn sie geben sich völlig in die Hand des Anästhesisten. „Ja, ich übernehme dann in der Vollnarkose sämtliche Vitalfunktionen des Patienten. Und, ja, ich bin dafür zuständig, dass er punktgenau nach der Operation wieder aufwacht“, sagt der Arzt, dem man – wie seinen Kollegen – vertrauen kann. Vor 100 Jahren lag die Sterblichkeitsrate bei Narkosen noch bei 90 Prozent. Heute sind es gerade einmal 0,005 Prozent. Bei einer Millionen Narkosen kommt es nur bei 7,3 Prozent zu Zwischenfällen. Man sollte also keine Angst haben vor der Anästhesie, betont der Facharzt. Ihm ist es übrigens egal, ob er jemanden örtlich betäubt oder unter Vollnarkose setzt. „Da muss sich jeder schon selbst drüber im Klaren sein, ob er bei der Operation hören will, was der Chirurg so macht“, sagt Dr. Hagen Behnke. In 80 Prozent der Beratungen hat der Patient selbst die Entscheidung über die Art der Anästhesie, die anderen Fälle machen eine spezielle Narkose notwendig.

„Ich halte denPatienten am Leben“

„Ich halte Sie nur am Leben, gesund macht Sie der andere Kollege“ erklärt der ärztliche Direktor den Patienten gern. Der Anästhesist ist für den Patienten im Hinblick auf dessen vitale Funktionen voll verantwortlich. In einer Vereinbarung zwischen den Fachgesellschaften von Chirurgie und Anästhesie aus dem Jahre 1964 heißt es: „Der Fachanästhesist trägt in seinem Aufgabenbereich die volle ärztliche und juristische Verantwortung. Daher steht ihm auch die gleiche Selbstständigkeit wie anderen Fachvertretern zu.“ Der 59-Jährige übersetzt: „Im Operationssaal gilt nicht der Chirurg als Kapitän, sondern er und der Anästhesist sind gleichberechtigt.“

Und warum darf ich sieben bis acht Stunden vor der Narkose nichts mehr essen? „Durch die Narkose erschlafft der Schließmuskel zwischen Magen und Speiseröhre. Gleichzeitig ist Husten nicht möglich. Wenn Mageninhalt sich nach oben entleert, besteht die Gefahr, dass dieser über die Luftröhre in die Lunge gelangt und dort eine Entzündung verursacht“, erklärt Hagen Behnke den unschönen Vorgang.

Nüchtern bleiben müssen natürlich auch die Patienten, denen operativ Gelenke versteift werden. Das Thema ist nicht immer positiv besetzt. Dabei kann die Arthrodese, bei der die Knochen miteinander verbunden werden, Menschen wieder ein schmerzfreies Leben ermöglichen. In der nächsten Folge „Klinik vor Ort“ gehen wir mit in den Operationssaal zur Gelenkversteifung.

Inga Mennen
Inga Mennen Thementeam Soziales
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