Wittmund - Meckern können viele, machen wollen die wenigsten etwas. Derzeit sind die Parteien auch in der Stadt Wittmund und den Ortschaften unterwegs, um Kandidaten für ihre Liste für die Kommunalwahl im September kommenden Jahres zu werben. Das ist nicht immer leicht. „Nicht jeder will sich im Rat engagieren, dabei kann man so viel mitgestalten“, sagt Heinrich Beermann. Er gehört dem Gremium in Wittmund seit 2012 an. Der 77-Jährige möchte aber aus Altersgründen bei der nächsten Wahl nicht mehr für die SPD kandidieren.
Schon früh begann sich der in Nenndorf lebende Beermann für die Politik zu interessieren. „Wir hatten zu Hause den Stern als Lesemappe. Auf dem Titel war Willy Brandt abgebildet, damals war er Bürgermeister von Berlin“, sagt Heinrich Beermann. Das Foto hatte ihn so fasziniert, das er es in seinem Zimmer aufhängte. Zum Leidwesen seines Vaters, der eine kleine Landwirtschaft betrieb und eher den Christdemokraten zugeneigt war. Das Bild, sagt Beermann, geht ihm noch heute nicht aus dem Kopf. Dabei war er politisch eher nicht aktiv. Er ging zur Bundeswehr und wurde 1964 nach Wittmund versetzt, wo er als Techniker arbeitete.
13 Jahre pendelte er zwischen Dresden und Wittmund
Im Zuge der Wiedervereinigung kam er 1992 nach Dresden zur Standortverwaltung. So kam der Kontakt zur Staatskanzlei zustande, in der er bis zur Pensionierung 2005 gearbeitet hat. Seine Frau Hermine, mit der Beermann zusammen in Nenndorf 1972 das Haus gebaut hatte, fand eine Arbeit im Landwirtschaftministerium in Dresden – die beiden pendelten nun fortan 13 Jahre bis zur Rente zwischen Sachsen und Wittmund. „Wir wollten uns dort auch ein Haus kaufen, hatten uns umgesehen, aber an Westdeutsche wollten viele einfach nicht veräußern“, erinnert sich Heinrich Beermann an die Zeit. Vier Autos und eine Million Kilometer später kann er sagen, in Nenndorf fühlt er sich wohl.
Bis zu dem Zeitpunkt, als er 2010 120 Seiten auf den Stubentisch bekam. Das waren die Planunterlagen zur Vergrößerung des Windparks in Abens und das brachte den sozial eingestellten Mann aktiv in die Politik. Stunden beschäftigte sich der belesene Sozialdemokrat mit dem Schriftstück. Er fand Widersprüche, organisierte eine Bürgerinitiative, zu der sieben Personen gehörten, und formulierte Einwände gegen die neuen Anlagen. „Nur von Verwaltung und Politik erhielt ich keinerlei Reaktion“, schildert Beermenn die Situation. Schließlich kam er auf eine Idee – er sah eine große Chance darin, die Politik dafür zu sensibilisieren aus einem Grund: 2011 waren Kommunalwahlen. „Ich habe erklärt, dass sie mit einem solchen Thema ein gutes Argument haben“, sagt Beermann. Und so war es – es dauerte nicht lange, dass ihn die Sozialdemokraten fragte, ob er auf ihrer Liste als Parteiloser kandidieren wolle. „Das habe ich getan und wurde auch gewählt“, sagt der 77-Jährige. Als Parteiloser sei man in einer Fraktion aber weder Fisch noch Fleisch, schildert der Nenndorfer die Situation, was ihn dazu brachte, das Parteibuch der Sozialdemokraten, das er von 1970 bis 1972 schon einmal besessen hatte, wieder aufzuschlagen. Er wurde zum Beisitzer des Ortsvereins Wittmund gewählt. Der Windpark Abens wurde dann nicht erweitert.
In der Politik muss man ein dickes Fell haben
Die Politik, so Beermann aus seiner Erfahrung, hat auch auf kommunaler Ebene viele Facetten, die nicht immer einfach sind. „Man muss schon ein dickes Fell haben und hinter seinen Ansichten stehen“, unterstreicht der sympathische Mann. Und die Ansichten, für die er einsteht, vertritt er auch gegen die Stimmen der eigenen Reihen, denn Heinrich Beermann geht es immer um die Sache.
Beide Seiten hat der Sozialdemokrat im Stadtrat erlebt, die in der Opposition und die in der Mehrheitsgruppe. „In der Minderheitsregierung geht man, glaube ich, doch mehr in der Spur“, sagt Heinrich Beermann. Viele Anträge hat er mitformuliert und auf den Weg gebracht. Und genau das ist es, was ihn fasziniert an dem kommunalen Parlament.
„Im Stadtrat kommen viele Menschen verschiedenen Alters, unterschiedlicher Bildung und Herkunft zusammen, das macht es so spannend“, sagt Beermann. Man bräuchte für die Arbeit Menschenverstand. Und eines sei besonders wichtig: „Lesen, lesen, lesen“, betont der Kommunalpolitiker. Sich mit den Vorlagen zu beschäftigen, sie sich im Zweifel von der Verwaltung, die, so der 77-Jährige immer hilfsbereit ist, erklären zu lassen, sei elementares Fundament der Ratsarbeit, die jeder ausüben könne.
Heinrich Beermann wird zwar nicht mehr kandidieren, aber als Zuhörer möchte er gern an den Sitzungen noch teilnehmen. „Der Rat ist eine so gute Möglichkeit, die eigene Kommune zu gestalten, man muss es nur tun.“
