Wittmund - Die „Corona-Disziplin“ auf dem Bau sinkt. Das kritisiert die IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU). Auf immer mehr Baustellen – auch im Landkreis Wittmund – werde gegen Abstands- und Hygieneregeln verstoßen. „Viele Baufirmen nehmen die Ansteckungsgefahr mit dem Virus auf die leichte Schulter. Das ist fatal“, sagt die Vorsitzende der IG BAU Nordwest-Niedersachsen, Gabriele Knue.
Immer häufiger werde wieder „im alten Trott“ gearbeitet – wie vor der Corona-Pandemie. Viele Bauunternehmen blendeten die Gefahr einer Infektion inzwischen einfach aus. Bei ihren Baustellen-Visiten stoße die Gewerkschaft auf „grobe Corona-Sünden“, ist in einer Pressemitteilung zu lesen. „Oft ist nicht einmal das Händewaschen möglich. Ein Waschbecken mit Seife und fließendem Wasser – Fehlanzeige. Von Desinfektionsmittel-Spendern ganz zu schweigen. Aber auch Sammeltransporte in Bullis sind schon längst wieder an der Tagesordnung. Genauso Frühstücks- und Mittagspausen dicht an dicht im Bauwagen“, sagt Gabriele Knue.
Der Baugewerbe-Verband Niedersachsen wehrt sich gegen die Vorwürfe. In einer Pressemitteilung teilt der Hauptgeschäftsführer, Matthias Wächter, mit: „Die Bauunternehmen in Niedersachsen haben von Beginn der Pandemie mit dem größtmöglichen Maß an Verantwortungsbewusstsein gehandelt und die Gesundheit ihrer Beschäftigten an die erste Stelle gestellt. Das Selbstverständnis der größtenteils inhabergeführten Familienunternehmen des Baugewerbes bedingt, dass sich diese mit aller Kraft der weiteren Verbreitung des Coronavirus entgegenstellen und für die Einhaltung der erforderlichen Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen eintreten.“
Situation hat sich verbessert
Nach Angaben der Berufsgenossenschaft BG BAU, die für die Überprüfung der Einhaltung von Arbeitsschutzstandards zuständig ist, könnten bei knapp 90 Prozent der Betriebe keine Mängel festgestellt werden. Im Vergleich zur Situation zu Beginn des Corona-Krise habe sich die Situation deutlich verbessert.
„Bei einem insgesamt steigenden Infektionsgeschehen ist nicht ausgeschlossen, dass auch auf Baustellen Einzelfälle auftreten. Die Zahlen zeigen allerdings auch, dass die Treiber des Infektionsgeschehens viel eher im privaten Bereich, beispielsweise bei Urlaubsrückkehrern aus Risikogebieten, zu verorten sind“, führt Wächter aus.
Die IG BAU-Bezirksvorsitzende Knue appelliert an die Baubeschäftigten im Kreis, strikt darauf zu achten, sich zu schützen: „Corona-Schutz ist Arbeitsschutz. Und den müssen Beschäftigte notfalls selbstbewusst einfordern.“
Dass das Arbeiten unter freiem Himmel das Infektionsrisiko reduziere, sei nur die halbe Wahrheit. Spätestens beim Innenausbau und beim Sanieren sehe das dann schon ganz anders aus. Zudem lauere bei gemeinsamen Pausen eine hohe Infektionsgefahr. Ebenso auf dem Weg zur Baustelle im Sammeltransporter: „Hier müssen Arbeitgeber Einzelfahrten möglich machen – und den Bauarbeitern dafür auch etwas bieten“, fordert Knue. An- und Abfahrten zwischen Wohnort und Baustelle würden bislang in der Regel nicht entschädigt. „Dabei legen Bauarbeiter oft enorme Strecken zurück. Das ist verlorene Zeit für sie“, kritisiert Knue. Die Wegezeit sei für einen Großteil der Baubeschäftigten im Kreis längst zu einem „wunden Punkt“ geworden, so die IG BAU. Trotzdem hätten die Arbeitgeber bei den Tarifverhandlungen für das Bauhauptgewerbe zur Wegezeit kein Angebot auf den Tisch gelegt. In der bevorstehenden Schlichtung, die voraussichtlich am 26. August stattfindet, solle das Thema wieder auf den Verhandlungstisch.
Im Fokus der Verhandlungen steht dann auch die Lohnforderung der IG BAU: ein Plus von 6,8 Prozent, mindestens jedoch 230 Euro pro Monat mehr für die Baubeschäftigten. Darüber hinaus sollen Azubis aller Ausbildungsjahre 100 Euro zusätzlich im Monat erhalten.
