• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Friesland Gemeinden Zetel

Von Neuenburg an den kaiserlichen Hof

24.04.2018

Neuenburg Wer mit Werner Kleinschmidt auf historischen Pfaden unterwegs ist, der erfährt stets „neues Altes“. Denn für Überraschungen ist der zertifizierte Gästeführer immer gut – so auch an diesem Wochenende im Urwalddorf Neuenburg, wo er an Kaiser Wilhelm II. erinnerte.

Der hat von 1888 bis 1918 als letzter deutscher Monarch das Land regiert und auf diverse Art Berühmtheit erlangt: unter anderem durch kriegsvorbereitende Bauten in Wilhelmshaven – und durch seine Reiselust, weswegen ironische Zeitgenossen schon die Hymne „Heil Dir im Siegerkranz“ umgedichtet hatten in „Heil Dir im Sonderzug“.

Und mit eben jenem Sonderzug soll Seine Majestät einst auch in Neuenburg Station gemacht hat, erzählt Werner Kleinschmidt – belegt durch entsprechende Anekdoten, die seit Anfang des vorigen Jahrhunderts in dem Urwalddorf kursieren. Rechnungen belegen, dass der Kaiser tatsächlich in Neuenburg Möbel gekauft hat.

Ob er aber persönlich Truhen, Sofas und anderes Inventar bei dem Antikhändler Diedrich Müller besichtigt hat, ist nirgendwo verzeichnet, und auch im „Gemeinnützigen“ findet sich kein Hinweis auf den Staatsbesuch, der 1906 stattgefunden haben soll – wohl aber eine Notiz am 9. Januar 1906: „Herr Tischlermeister D. Müller, Antikgeschäft, erhielt heute vom Kaiserlichen Hofe aus Berlin ein Sofa und andere Möbel zugeschickt, nach denen Herr Müller noch neue Sachen in antikem Stil anzufertigen hat.“ Ebenso wichtig erschien der Redaktion der folgende Satz im gleichen Artikel: Herr Schlachtermeister F. Siems kaufte gestern von Herrn Gutsbesitzer W. Röben hierselbst einen Stier, der das ansehnliche Gewicht von 2000 Pfd. hatte.“

Fest steht damit auf jeden Fall, dass Diedrich Müller damals kaiserlicher Hoflieferant war – Grund genug für Werner Kleinschmidt, den gewieften Unternehmer in seine Neuenburger Gästeführungen einzubauen.

Diedrich Müller war es, der damals aus Altem Neues machte. Er kaufte aus ländlichen Betrieben abgenutzte Truhen auf, die dort kaum noch Verwendungen fanden, und wenn, dann allenfalls als Tröge. Knechte verdienten sich ein bisschen Geld, als sie das alte Holz zur Möbelwerkstatt schleppten, wo Diedrich Müller sie aufarbeitete.

Die Liste der interessierten Kunden war lang und prominent: von namhaften und reichen Oldenburger Bürgern und Kaufleuten über Prinz Heinrich von Preußen, Gräfin Schweinitz, Geheimrat Funch, Admiral Scheer bis eben zu seiner Kaiserlichen Hoheit. Zu den Kunden gehörte auch Prinz Eitel Friedrich („Eitel Fritz“), der zweite Sohn des Kaisers, für den Müller die Zimmereinrichtung zur bevorstehenden Hochzeit mit Charlotte von Oldenburg herstellte. „Das wertvolle Mobiliar ist sehr geschmackvoll gearbeitet und kann zur Besichtigung empfohlen werden“, schrieb „Der Gemeinnützige“ am 3. Februar 1906.

Und drei Tage später: „Der Tischlermeister Diedrich Müller hatte einen starken Besuch auswärtigen Publikums, das die fertiggestellte Zimmereinrichtung des Prinzen Eitel Friedrich besichtigte. Besonders am Sonntag war der Besuch ein derartiger, daß sämtliche Räumlichkeiten des Herrn Müller gedrängt voll standen. Man hörte allgemeines Lob über die Möbelstücke“. Empfohlen waren die betuchten Kunden aller Wahrscheinlichkeit nach von ranghohen Offizieren der kaiserlichen Marine in Wilhelmshaven.

„Die auf Antik gemachten Neuenburger Möbel waren damals der Renner“, weiß Kleinschmidt nach seinen Recherchen im Möbelhaus Müller, das heute unter dem Namen „Charisma“ existiert. Immer mehr Gesellen wurden eingestellt, die Werkstätten erweitert. Als der Unternehmer im ersten Weltkrieg über Lieferschwierigkeiten klagte, weil die Mitarbeiter eingezogen waren, erhielt er sofort Unterstützung aus höchsten Kreisen: Ein Geselle wurde per Befehl augenblicklich von der Front zurückbeordert.

Ob nun der Kaiser tatsächlich irgendwann einmal in Neuenburg war, ob er im damaligen Hotel am Urwald logierte und zu Fuß ins Möbelhaus ging oder den Meister kommen ließ, ist ebenso rätselhaft wie spannend – wie alle Anekdoten, mit denen Werner Kleinschmidt seine Führungen würzt. Ein Foto Seiner Majestät, eventuell sogar mit Neuenburgern, gibt es nicht: Wilhelm II. ließ sich, so weiß Kleinschmidt, nur selten und dann auch nur bei schönem Wetter ablichten – daher der Begriff „Kaiserwetter“.

Der kaiserliche Hoflieferant jedenfalls, der am vergangenen Sonntag erstmals im Mittelpunkt der Gästeführung stand, wird künftig fester Bestandteil der Neuenburger Touristik sein und Gäste wie Einheimische begeistern. So staunten bei den ersten beiden Führungen an diesem Sonntag 40 Besucher, darunter auch Gäste aus Frankfurt und München, über die ungeahnten Details aus Neuenburgs Vergangenheit.


Mehr Infos unter   www.nwzonline.de/200-jahre-der-gemeinnützige 

Weitere Nachrichten:

Marine

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.