Ammerland - Hebammen sind überall in Deutschland und auch im Nordwesten knapp und der demografische Wandel sorgt dafür, dass es künftig noch weniger Frauen (und wenige Männer) geben wird, die diesen Beruf ausüben. Der Ausbildung kommt also eine besondere Bedeutung zu. Seit dem Wintersemester 2020/2021 bietet neben anderen die Jade Hochschule in Zusammenarbeit mit der Universität Oldenburg den siebensemestrigen Bachelorstudiengang Hebammenwissenschaft an. Studienplätze zu schaffen ist die eine Sache, deutlich schwieriger ist es offenbar, den praktischen Ausbildungsteil zu organisieren. Für diesen arbeitet die Hochschule mit mehreren Krankenhäusern in der Umgebung zusammen, auch mit der Ammerland-Klinik in Westerstede, die ihre Geburtshilfe in den vergangenen Jahren stark vergrößert hat. Wie funktioniert die Ausbildung hier? Die NWZ hat mit Silke Knieling gesprochen, Hebamme und Praxisanleiterin an der Ammerland-Klinik.
Drei Studierende
Für drei Studierende aus verschiedenen Semestern hat die Ammerland-Klinik derzeit auch drei Praxisanleiterinnen, eine vierte steht kurz vor dem Abschluss der entsprechenden Weiterbildung. „Die Zahl reicht aus“, sagt Knieling. Allerdings arbeiten alle Praxisanleiterinnen auch weiter ganz regulär im Kreißsaal. Freigestelle Praxisanleiterinnen oder -anleiter, wie in der Pflege, gibt es unter den Hebammen in Westerstede (noch) nicht. Dabei ist der praktische Ausbildungsteil durchaus aufwendig. „Ich muss immer wieder spezielle Themen mit den Studentinnen vorbereiten, neben der Praxis auch den theoretischen Hintergrund vermitteln“, erklärt Knieling. Beim Blutdruck messen geht es zum Beispiel nicht nur darum, die Geräte zu beherrschen, vorzubereiten und einzusetzen, sondern auch, Werte richtig zu interpretieren. Wie solche Aufgaben richtig gestaltet werden, lernen die Praxisanleiterinnen selbst in einer 300-stündigen Fachweiterbildung, entweder als Blockunterricht oder berufsbegleitend am Abend. Zwar sind die Studierenden auch im Kreißsaal-Alltag dabei und müssen dort in recht kurzen Praxiseinsätzen möglichst viel mitnehmen. „Sie sind aber keine zusätzlichen Arbeitskräfte, sie machen Arbeit“, sagt Knieling.
Auf dem Weg zum Mangel
Dass diese Arbeit dringend nötig ist, davon ist die Hebamme aber auch überzeugt. „Wir stehen bei der Versorgung mit Hebammen im Ammerland noch relativ gut da“, sagt sie. Es gebe noch eine hohe Dichte an niedergelassenen Hebammen – von denen viele allerdings schon im fortgeschrittenen Alter sind. „Wir müssen ausbilden, sonst kommen wir von der Grund- in die Mangelversorgung.“
Die Politik habe zu spät angefangen gegenzusteuern, sagt Knieling. Und dass ein Studium jetzt die einzige Möglichkeit ist, den Beruf der Hebamme zu erlernen, hat auch nicht nur Vorteile. „Wir schließen einen Teil der Schulabsolventen aus.“ Hauptproblem sei allerdings die Zahl der Studienplätze, die wieder abhängig ist von der Zahl der Praxisplätze in den Kliniken. Nur wer einen solchen vorweisen kann, kann das Studium überhaupt beginnen.
16 Hebammen, drei Studentinnen, eine Kraft im Freiwilligen Sozialen Jahr und ständig wechselnde Praktikanntinnen arbeiten in der Geburtshilfe der Ammerland-Klinik. Drei Hebammen arbeiten in Vollzeit in der Klinik, die anderen in Teilzeit.
2019 lag die Zahl der Hebammen noch bei neun.
Gearbeitet wird im Drei-Schicht-Modell, die einzelnen Schichten sind zu mehr als 90 Prozent doppelt besetzt, nach Aussage von Silke Knieling ein Wert, den keine andere Klinik in der näheren und weiteren Umgebung vorweisen kann.
Bedingungen verbessern
Und wie kann man sonst gegen den bevorstehenden Mangel an Hebammen vorgehen? Würde Silke Knieling ihren Beruf nach mehr als 30 Jahren noch einmal ergreifen? „Ja“, sagt sie. „Allerdings mit dem Wissen von heute und nicht mit dem blauäugigen Blick von damals.“ Wer Hebamme – oder als Mann Entbindungspfleger – werden wolle, müsse sich über die Besonderheiten klar sein. „Ich gebe heute jeder Studierenden und Praktikantin zu bedenken, dass sie im Zweifel an jedem Feiertag, jedem Wochenende und in jeder Nacht arbeiten wird, auch wenn die Familie feiert oder die eigenen Kinder Einschulung haben.“ Wie kann man diese Nachteile ausgleichen? „Über bessere Bezahlung“, sagt Knieling bestimmt. Sie würde den Beruf attraktiver gestalten, weil Teilzeit-Modelle attraktiver werden.
