BREMERHAVEN - Unzuverlässig wie der Wetterbericht – von diesem üblen Image könnten sich Wetter- und auch Klimaprognosen in Zukunft Schritt für Schritt befreien. Denn inzwischen hätten die Forscher zumindest die Stellschrauben entdeckt, die die Computermodelle zur Vorhersage wesentlich glaubhafter machen können, erklärte Prof. Dr. Volker Wulfmeyer, Meteorologe der Universität Hohenheim auf dem Extremwetterkongress im Klimahaus in Bremerhaven, auf dem bis Sonnabend rund 750 Experten über die Folgen des Klimawandels diskutieren werden.
Chaotische Prozesse
Das Problem mit dem Wetter: die meisten Prozesse sind chaotisch, das heißt kleine Ungenauigkeiten können so einen großen Einfluss auf die Prognose haben, dass sich Vorhersage und Wirklichkeit im Extremfall genau entgegen gesetzt verhalten können. Besonders groß ist dieser Effekt zum Beispiel bei Sommergewittern – wobei es gerade diese Unwetter sind, die besonders viele Niederschläge und Hochwassergefahren mit sich bringen.
„Inzwischen kennen wir jedoch drei Stellschrauben, durch die sich die Computermodelle zur Wetter- und Klimavorhersage signifikant verbessern lassen“, erklärte Prof. Dr. Wulfmeyer, Leiter des Instituts für Physik und Meteorologie der Universität Hohenheim. Problematisch seien bislang vor allem die Messergebnisse, mit denen die Modelle für ihre Prognose gefüttert werden, die Integration der Messdaten in die Modelle und der Einsatz einer einzigen Computersimulation. „Um Unsicherheiten zu minimieren ist es vorteilhafter, viele verschiedene Computersimulationen parallel durchzuführen“, betonte er.
Mit seinen Aussagen stützt sich der Wetter- und Klimaexperte unter anderem auf die Erfahrungen eines Großforschungsprogramms, bei dem Forscher aus acht Nationen den ganzen Schwarzwald samt oberen Rheintal und Teilen der Vogesen drei Monate lang zu einem gigantischen Beobachtungslabor machten.
Wärmerer Sommer
Ein weiteres Thema auf dem Kongress: Der Klimawandel wird nach Ansicht von Experten die Lebensqualität in den deutschen Großstädten verschlechtern. Die Zahl der Sommertage mit Temperaturen über 25 Grad werde den Prognosen zufolge in den Metropolen deutlich steigen, sagte Paul Becker vom Vorstand des Deutschen Wetterdienstes am Donnerstag auf dem Kongress. „In den Sommermonaten müssen Ballungsräume in Zukunft vermehrt mit Starkregenereignissen rechnen, deren Wassermengen größer sind als die Kapazitäten der Kanalisation“, sagte Frank
Böttcher, Leiter des Instituts für Wetter- und Klimakommunikation.
Weltweit würden immer mehr Mega-Citys mit vielen Millionen Einwohnern entstehen, die erheblich zur klimaschädlichen Luftverschmutzung beitragen würden, so der Direktor des Climate Service Centers in Geesthacht bei Hamburg, Guy Brasseur.
Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sieht deshalb die Verantwortung bei den regionalen und kommunalen Politikern. „Ohne die Kommunen werden wir den Klimaschutz nicht schaffen.“ Die Städte müssten zum Beispiel stärker auf erneuerbare Energien, Elektro-Autos und die energetische Sanierung von Altbauten setzen.
Zugleich sollten sie sich besser auf den Klimawandel vorbereiten, um bei starken Stürmen oder anderen Wetterkatastrophen teure Schäden an Gebäuden und Infrastruktur zu vermeiden, so Kemfert. Das müsse bereits in der Städteplanung, der Bebauung und der Architektur berücksichtigt werden.
Energieversorgung
Außerdem müsse die Energieversorgung sichergestellt werden, diese aber klimaschonend sein. Man dürfe nicht nur erneuerbare und Atomenergie betrachten, sondern müsse den Gesamtmix im Auge haben, sagte Kemfert.
Laut Kemfert ist der Klimaschutz ein „Wirtschaftsmotor der Zukunft“, mit dem man auch drei Krisen auf einmal bewältigen könnte: die Wirtschafts-, die Energie- und die Klimakrise. So sei zum Beispiel die Baubranche ein Gewinner des Klimawandels, sagte sie.
