Ganderkesee/Delmenhorst/Landkreis - „Der Beruf der Hebamme ist wundervoll, aber ständig kündigen Kolleginnen, und für junge Menschen erscheint der Beruf nicht wirtschaftlich attraktiv – verständlicherweise“, sagte Nathalie Nelle als freiberufliche Hebamme und Koordinatorin bei der Hebammenzentrale Delmenhorst und Landkreis Oldenburg über ihren Beruf. Das Problem seien die Arbeitsbedingungen.
Zu wenig Zeit
„Es wird immer mehr von uns verlangt, die Kosten steigen, aber unsere Bezahlung reicht nicht aus.“ Eine Pauschale von 38 Euro brutto erhält eine Hebamme beispielsweise für einen Wochenbett-Besuch. Dafür trägt sie die Verantwortung zu erkennen, ob es der Mutter und dem Neugeborenen gut geht. Ob die Mutter vielleicht innerlich blutet, sie psychisch in stabiler Verfassung ist oder sie vielleicht in eine Wochenbettdepression verfällt. Eine Hebamme überprüft unter anderem die Wundheilung, Milchbildung sowie das Stillverhalten – und natürlich die Gesundheit des Neugeborenen. Ein derartiger Termin erfordert ein hohes Maß an Kompetenz und Zeit. Doch gerade Zeit bleibt einer Hebamme nicht: „Es belastet sehr viele Kolleginnen, dass sie sich nicht die Zeit nehmen können, die sie brauchen. Wir müssen trotzdem wirtschaftlich denken und am Tag genügend Termine schaffen“, erklärte Nelle. Auch die steigenden Prämien für die Haftpflichtversicherung von freiberuflichen Hebammen belasten die finanzielle Situation zusätzlich.
Daraus entwickele sich eine Abwärtsspirale: Wegen des wirtschaftlichen Drucks würden immer mehr Hebammen kündigen oder ihre Stunden reduzieren, um einer Zweitbeschäftigung nachzugehen. Für die übrigen Fachkräfte steigt dadurch die Arbeitsbelastung. „Durch den immensen Zeitdruck wird manchen Kolleginnen auch das Risiko zu hoch. Es geht schließlich um zwei Menschenleben“, sagte Nelle weiter.
Genau hier sieht die 38-Jährige das grundlegende Problem: „Der Mensch sollte wieder in den Fokus gelangen. Wir kommen in einer höchst emotionalen und intimen Zeit zu den Frauen – direkt in ihre Schlafzimmer. Wir brauchen Zeit, um ein Vertrauensverhältnis zu schaffen, aber die haben wir nicht.“
Gefährliche Folgen
Das hat nicht nur Folgen für die Fachkräfte, sondern auch für die Schwangeren: „Manchmal rufen Frauen weinend vor Verzweiflung bei uns an.“ Die Hebammenzentrale versuche zwar bestmöglich zu vermitteln, aber manchmal lasse sich keine Lösung finden. Das kann mitunter auch gefährlich werden: „Die Frauen müssen dann im Wochenbett täglich zum Arzt fahren. Das schaffen nicht alle. Dadurch können aber Komplikationen, Heilungs- oder Bindungsstörungen übersehen werden. Menschen bleiben auf der Strecke.“
Die 38-Jährige fordert deswegen ganz klar eine bessere Bezahlung von Hebammen. Es muss sich laut Nelle aber auch grundlegend etwas im Gesundheitssystem ändern: „Wir sollten uns fragen, wie viel uns Menschen und ihre würdevolle Behandlung eigentlich wert sind.“
