Jever - Ist es genug, einen Platz nach einer Persönlichkeit der Stadtgeschichte zu benennen, um die Erinnerung an sie und ihre Lebensumstände lebendig zu halten? Oder sollte die Benennung eher Baustein innerhalb eines Erinnerungskonzeptes sein, ein erster Schritt? Um diese Frage wird es am Donnerstag, 8. Februar, ab 17 Uhr im Gröschler-Haus gehen, wenn dort der Kulturausschuss des Rates tagt. Die Politik berät dann über die Möglichkeit, den Bahnhofsvorplatz in Jever, der 2022 nach Fritz Levy benannt wurde, um eine Stele zu ergänzen, die über den historischen Kontext der Judenverfolgung in der NS-Zeit zugleich auch die Person des „letzten Juden“ Jevers, Fritz Levy, informiert. Dafür spricht, dass Levy, der von 1901 bis 1982 lebte, nicht nur als Person polarisierte und den Finger in die historischen Wunden der Stadt Jever legte, sondern der Stadt auch eine Reflexion der Ereignisse in der NS-Zeit erlaubt.
Vielschichtige Persönlichkeit
Der jeversche Viehhändler Fritz Levy war 1938 ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt worden, aber nach einem halben Jahr wieder nach Jever zurückgekehrt. Er stellte fest, wie sehr sich die Stadt seit dem Novemberpogrom verändert hatte, und floh nach Shanghai. Nach dem Krieg versuchte Levy, in Jever wieder Fuß zu fassen, sah sich aber mit den Tätern von damals konfrontiert und rieb sich am bürgerlichen „normalen“ Leben, aus dem der alte Antisemitismus noch nicht gewichen war. Seine Mutter und seine Geschwister sowie sämtliche Verwandte waren im KZ Auschwitz ermordet worden. 1981 wurde Levy in den Stadtrat gewählt, 1982 beging er Suizid. Bundesweit hatte seine Biografie zuvor schon ein großes Medieninteresse ausgelöst.
Orte anstelle von Zeitzeugen
Der Antrag, den Bahnhofsvorplatz nach Levy zu benennen, um hier auch künftig eine Möglichkeit zur Begegnung mit dieser Persönlichkeit der Stadtgeschichte zu schaffen, hatten SPD und Grüne eingebracht. In dem Zusammenhang war die Idee entstanden, dort zusätzlich einen Erinnerungsort im Rahmen des bestehenden Konzepts der Erinnerungsorte in Friesland zu installieren. „Für eine nachhaltige Aufklärung über den verbrecherischen und terroristischen Charakter des nationalsozialistischen Regimes und für das Gedenken an die Opfer kommt Orten eine immer stärkere Bedeutung zu“, heißt es in der Vorlage der Verwaltung. Die Generation der Zeitzeugen und auch die ihrer Kinder lebten bald nicht mehr, und dann könnten oft nur noch die Orte „direktes, unmittelbares und anschauliches Zeugnis des erlittenen Unrechtes geben“.
Wissenschaftlich erarbeitet
Es gibt bereits zahlreiche Erinnerungsorte in Friesland, die über die Unrechtstaten des NS-Regimes informieren – dabei geht es nicht nur um Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung, sondern auch um Sinti und Kriegsgefangene. Spezielle Stelen liefern jeweils die schriftlichen Informationen, die zuvor wissenschaftlich und didaktisch nach Quellenlage erarbeitet wurden. „Die Erinnerungsorte in der eigenen Heimat, in der Nachbarschaft und gleich um die Ecke zu kennen und das Wissen daran wachzuhalten, ist auch für die uns nachfolgenden Generationen eine Kernaufgabe politischer Bildung und Teil der Erziehung zu Demokratie und Toleranz“, heißt es weiter in der Vorlage.
Das Projekt „Erinnerungsorte in Friesland“ fußt auf vielfältigen, jahrzehntelangen und zumeist ehrenamtlich betriebenen Forschungen zu den Verbrechen des Nationalsozialismus. Hartmut Peters vom Arbeitskreis Gröschler-Haus wird in der Ausschusssitzung einen Entwurf für ein Konzept einer Erinnerungsstele auf dem Bahnhofsvorplatz vorstellen. Die Kosten für die Stele seien im Haushalt 2024 eingeplant.
