Wiefels - Wie er da am Eingang zum Abfallwirtschaftszentrum (AWZ) in Wiefels steht und die Anlieferströme lenkt, sieht er aus wie ein Dirigent bei der Orchesterarbeit. Winkt hier ein Auto vom Wartebereich heran, zeigt dort einem Lastwagenfahrer per Handzeichen, wo er auf der Waage stoppen soll, zeigt mit langem Arm in die Ferne, um Kunden zu erklären, wo sie ihre Fracht abliefern können. „Bioabfall in den zweiten Container links, Baustoffe die dritte Bucht rechts, Pappe ganz hinten!“ Ralf Siefken (63), Sachbearbeiter der Eingangskontrolle, hat den Überblick.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit am besten?
Unsere Arbeit steht für Ordnung und Umweltschutz. Es ist ein gutes Gefühl, dazu beitragen zu können.
Was stört Sie an Ihrer Arbeit?
Vielleicht, dass die Leute oft die Höflichkeit vergessen. Ich versuche in jeder Situation, freundlich zu sein und würde mir wünschen, dass das umgekehrt auch so ist.
Würden Sie sich wünschen, dass Ihre Kinder ebenfalls Ihren Berufsweg einschlagen?
Nein. Ich glaube, dass dieser Beruf eher etwas für Menschen ab 40 ist. Denn jüngeren Menschen fällt es schwerer, Konflikten aus dem Weg zu gehen, die hier ab und zu vorkommen.
Nur auf den ersten Blick scheint die Arbeit im AWZ Routine zu sein: Kunden empfangen, Abfälle kontrollieren, Fahrzeuge wiegen und Gebühren kassieren. Doch der Alltag von Siefken ist voller interessanter Begegnungen und Überraschungen. Das hat sich gezeigt, als die Redaktion ihn für die Serie „Ein Tag mit ...“ begleitet hat.
Bevor Ralf Siefken um 8 Uhr dem ersten Kunden an der Eingangskontrolle grünes Licht gibt, muss er sich gründlich auf den Arbeitsbeginn vorbereiten. Die Computer hochfahren, die Programme und das Bezahlsystem starten, den Checkpoint öffnen und das Nachbuchen erledigen – also die Lkw-Lieferungen der vergangenen Schicht in die Datenbank eingeben: wo, wie viel, was genau. Dafür braucht er eine Stunde. Dann erst kommt seine Hauptaufgabe, die Abfallannahme. Das heißt: Kunden kurz begrüßen, Abfälle kontrollieren, Fahrzeuge wiegen oder Kubikmeter abmessen und Gebühren kassieren. Ralf Siefken wickelt seinen Job routiniert ab, seit 2006 ist er dabei.
„Haben Sie keine Waffen dabei?“
Jeweils acht Kunden bringen bei jedem Wind und Wetter im 15-Minuten-Takt neue Abfälle zum Abfallwirtschaftszentrum Friesland-Wittmund. Das bedeutet, dass Ralf Siefken an einem Arbeitstag bis zu 280 Mal die gleichen Fragen stellen muss: „Haben Sie einen Termin? Woher kommen Sie? Was haben Sie dabei?“
„Ein Tag mit...“ In jeder Stadt, in jeder Straße, an jeder Ecke gibt es interessante Geschichten aus dem Arbeitsleben von Menschen, die Tag für Tag einen wichtigen Beitrag zu unserem gemeinsamen Leben leisten. Berufe, die gewöhnlich erscheinen oder gänzlich unsichtbar bleiben, bergen in Wirklichkeit einen Reichtum an Erfahrungen, Talenten, Geduld, Ausdauer und oft auch Mut. In der Serie „Ein Tag mit ...“ werden wir in die Welt der unterschiedlichsten Berufe eintauchen, die Menschen dahinter kennenlernen, einen Arbeitstag mit ihnen verbringen und über ihren Alltag berichten – zum Teil auch mit Videos auf Facebook, Instagram und auf NWZonline.
Auf NWZonline finden sich auch alle bisher erschienenen Teile – ein Tag mit einem Förster, einer Tiermedizinischen Fachangestellten, einem Tiefbaufacharbeiter, einer Tierärztin, einer Prophylaxeassistentin, einem Fahrlehrer, einer Floristin, einer Eisverkäuferin, zwei Fischverkäufern auf dem Wochenmarkt, einem Landwirt und einer Goldschmiedin.
Ein Auto rollt heran. Siefken fragt mit einem Lachen: „Haben Sie keine Waffen dabei?“ Die Antwort kommt mit einem Lächeln – keine Waffen, der Mann bringt nur Sperrmüll. Es stellt sich heraus, dass Siefken Erfahrung damit hat, gelegentlich alte Waffen anzunehmen. Deshalb stellt er die Frage ab und zu im Scherz. „Die Leute haben ein altes, verrostetes Gewehr gefunden, wahrscheinlich aus dem Ersten Weltkrieg, und beschlossen, es wegzuwerfen. Sie haben mich zum Glück sofort informiert. Tja, Abfall kann vieles sein. Aus Sicherheitsgründen mussten wir die Polizei rufen“, erinnert sich der Sachbearbeiter.
Gelassenheit und Freundlichkeit wichtig
Es kommen ständig neue Fahrzeuge. Die Gespräche sind kurz. Doch manchmal reichen Augenblicke, um eine Konfliktsituation heraufzubeschwören. „Früher waren die Leute geduldiger und freundlicher“, erzählt Ralf Siefken. „Heute erntet man auf eine Begrüßung oft nur Schweigen oder sogar eine Schimpftirade.“ Warum das so ist? „Ganz einfach“, sagt Siefken. „Wenn man zum Bäcker geht, bekommt man Brötchen für sein Geld. Hier dagegen kommen die Leute schon gestresst an. Sie haben den Abfall zusammengetragen, Zeit und Benzin investiert, müssen alles selbst abladen, bekommen nichts dafür und müssen auch noch bezahlen. Das gefällt vielen nicht.“
Seit 2006 dirigiert Ralf Siefken wie ein Orchesterleiter die Abfallannahme im Abfallwirtschaftszentrum in Wiefels.
Natalia Vershko
Ralf Siefken und sein Kollege nehmen bei jedem Wetter alle 15 Minuten bis zu acht Kunden an.
Natalia Vershko
Die Kontrolle des angelieferten Abfalls ist einer der wichtigsten Arbeitsprozesse.
Natalia Vershko
Im Abfallwirtschaftszentrum Friesland-Wittmund erleben die Sachbearbeiter der Eingangskontrolle häufig überraschende Begegnungen – eine davon war das Treffen mit Moni, der charmanten Hundedame.
Natalia Vershko
Auch im Büro gibt es reichlich zu tun: In einem speziellen Erfassungssystem wird genau dokumentiert, welche Abfälle per Lkw auf die Deponie gebracht werden.
Natalia Vershko
Für besonderes Abfallmaterial, wie zum Beispiel gebrauchte Autobatterien, gibt es einen speziellen Sammelbereich.
Natalia Vershko
Blick auf die Abfallcontainer im Abfallwirtschaftszentrum Friesland-Wittmund.
Natalia VershkoZigtausend Begegnungen haben ihn gelehrt, den Charakter der Menschen auf den ersten Blick zu erkennen und für jeden einen individuellen Zugang zu finden. Das sei eine Art Geduldsprobe, so Siefken. Aber Gelassenheit und Freundlichkeit seien in solchen Situationen das wichtigste Handwerkszeug. Außerdem sind in jeder Schicht immer zwei Mitarbeiter im Einsatz. Bei Bedarf kann der zweite Mitarbeiter den unzufriedenen Kunden übernehmen, was die Spannung oft rausnimmt.
Portemonnaie in der Hand, Babys auf dem Arm
Für den emotionalen Ausgleich im Arbeitsalltag sorgen oft die Stammkunden. Einer grüßt freundlich und fragt Siefken, wie es ihm heute geht. Während der die Gartenabfälle prüft, erkundigt er sich im Gegenzug, ob der Garten in Ordnung sei. „Es gibt hier wirklich viele nette Gespräche und interessante Momente. Ich erinnere mich, wie mir einmal ein Kunde sein Portemonnaie in die Hand drückte, damit ich den passenden Betrag zum Bezahlen herausnehme, während er selbst die Plane über die Abfälle im Anhänger spannte. Es gab auch eine Situation, als eine Mutter mit fünf Kindern kam, darunter Zwillinge, die noch keine zwölf Monate alt waren und heftig weinten. Sie übergab mir beide Babys auf den Arm, um in Ruhe das Geld herauszusuchen. Und plötzlich beruhigten sich die Kleinen. Das war so unerwartet und rührend, dass ich diese Geschichte für immer in Erinnerung behalten werde“, erzählt Siefken.
Oft bringen Stammkunden den Mitarbeitern Kuchen, Muffins oder Pralinen mit. Solche kleinen, unerwarteten Aufmerksamkeiten sorgen für gute Laune.
Schlechtes Wetter kein Hindernis
Wir machen einen Rundgang durch den Anlieferungsbereich, während Siefken von seinem Kollegen vertreten wird. Hier gibt es Dutzende Container, von denen die meisten mehrmals täglich gefüllt und geleert werden. Der Winter ist Hauptsaison für Bauschutt, während im Herbst die Bioabfallbehälter am schnellsten voll werden. Es regnet, aber das schreckt die Besucher nicht ab: „Die Leute denken, dass bei schlechtem Wetter weniger los ist, aber anscheinend denken das alle“, sagt Siefken und lacht.
Es ist Zeit für die Arbeit im Büro. Die Müllfahrzeuge werden an der Einfahrt auf automatischen Waagen gewogen und nach der Entladung noch einmal. Der Fahrer nennt dem Sachbearbeiter die Fahrzeugnummer und die Art des angelieferten Mülls. Diese Informationen trägt Siefken in ein spezielles Erfassungssystem ein und gibt danach die Freigabe für die Weiterfahrt.
Viel frische Luft und Bewegung
Den Großteil seines Arbeitstages verbringt der Sachbearbeiter an der frischen Luft: Hier unterm Dach bleibt es zwar trocken, doch der Wind ist durchdringend. Siefken sieht das als Vorteil: „Dass es hier immer weht, macht mir nichts aus. Im Gegenteil, mein Arzt sagt, ich hätte den besten Job, weil ich viel an der frischen Luft bin und auch im Büro. Der Temperaturwechsel ist gut für den Körper. Außerdem bewege ich mich viel, laufe mehrmals am Tag die Treppe zum Büro hoch – das ist Fitness pur. In meinen 18 Jahren hier hatte ich so gut wie keine Krankheitstage.“
Im Sommer 2025 wird Ralf Siefken in den Ruhestand gehen. Während seiner Zeit beim Zweckverband Abfallwirtschaftszentrum Friesland/Wittmund hat er viele Erfahrungen gesammelt. Die Arbeit mit Abfall hat ihn nie abgeschreckt. Er ist froh, dass er in dieser Zeit einen Beitrag zum Umweltschutz leisten und andere dafür sensibilisieren konnte.
