Jever - Das Leistungs- und Produktangebot einer Gärtnerei und die Produktion von Nahrungsmitteln in landwirtschaftlichen Dimensionen sind im Prinzip nicht miteinander zu vergleichen. Das heißt nicht, dass Gartenbaubetriebe keine Lebensmittel produzierten – es gibt sie noch, die Gärtnereien, deren Obst und Gemüse in der Gastronomie heiß begehrt sind. Aber die Zeiten, da Gärtnereien im großen Stil Nahrungsmittel für eine ganze Stadt produzierten, sind Geschichte. Für Jever sind sie auch Stadtgeschichte, wie ein Archivfund aus der Schlossbibliothek zeigt.
Abgesang auf goldene Zeit
„Der grüne Ring der Gärtnereien um die Stadt“ ist ein Artikel in der „Jeverschen Ausgabe“ vom 25. Mai 1949 betitelt, aber was wie das Loblied auf eine florierende Branche klingt, ist nichts weniger als ein Abgesang auf goldene Zeiten. Die „Jeversche Ausgabe“ war eine Beilage des „Neuen Tageblatts“ aus Osnabrück, denn das aus der NS-Zeit belastete „Jeversche Wochenblatt“ durfte noch nicht erscheinen.
Über die Nahrungsmittelproduktion der Gärtnereien für die Kriegswirtschaft während des Zweiten Weltkrieges verliert der Autor des Artikels kein Wort. Bekannt ist aus Zeitzeugenberichten, dass die Bewohner der Stadt ihren Speiseplan unmittelbar nach dem Krieg über Tauschgeschäfte mit Landwirten aufbesserten, wie die Menschen es auch andernorts praktizierten.
Dichter Bogen um die Stadt
Der Autor mit dem Kürzel -oe- preist in seinem Artikel von Mai 1949 eingangs die städtischen Anlagen als „grünes Kleid“, zu dem auch ein Ring von gut 30 Gärtnereien rund um die Stadt einen Beitrag leiste. Zum Vergleich: Heute gibt es gerade mal sieben Gartenbaubetriebe in der Stadt und in den Außenbereichen.
„Sie ziehen sich mit Ausnahme des nördlichen Stadtrandes, dessen kleihaltiger Boden für Gartenbau weniger geeignet ist, in einem dichten Bogen um die ganze Stadt“, heißt es im Artikel. Weit mehr als 100 Jeveraner zauberten in den Betrieben aus dem Boden durch gärtnerische Arbeit einen Ertrag, „der bei normaler landwirtschaftlicher Nutzung nur von einer Grundfläche von der zehnfachen Ausdehnung erzielt werden könnte“.
Auf einer Fläche von 15.000 Quadratmetern in Gewächshäusern würden prächtige Blüten und wertvolles Frühgemüse gezogen. Und dennoch hätten die Betriebe wirtschaftliche Sorgen.
Kriegshafen als immenser Absatzmarkt
Ein Großteil der Gartenbaubetriebe ist nach dieser Darstellung in der „Jeverschen Ausgabe“ in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts gegründet worden, als Wilhelmshaven zum Kriegshafen des Kaiserreichs aufgestiegen ist. Auslöser für den Boom war ein immenser Bedarf an Gemüse für die Marine- und sonstige Großküchen der aufstrebenden Stadt.
Diese Nachfrage habe die Stadt Jever mit einer Vervielfachung ihrer Gartenbaubetriebe beantwortet, heißt es in dem Artikel. Deren Ernte sei „in Bausch und Bogen“ nach Wilhelmshaven gegangen, wo es noch kaum Gärtnereien gegeben habe.
Gemüseeinfuhr löst Niedergang aus
Von den Großküchen und zahlungskräftigen Hausfrauen auf Wochenmärkten war nach dem Zweiten Weltkrieg 1949 allerdings nicht mehr viel übrig. Was geblieben war: 30 Gärtnereien in Jever und mindestens ebenso viele Gärtnereien, die inzwischen in Wilhelmshaven gegründet worden waren. Hinzu kamen Betriebe in den Nachbarorten des Jeverlands.
„Für die Blumen, die in wirtschaftlicher Notzeit als Luxusartikel gelten, fehlt das Geld, für das Gemüse fehlen die Verbraucher“, stellt der Zeitungsautor fest. Hinzu kam, dass viele Menschen ihren Kohl selbst anbauten.
Wirklich schwer traf es die Gärtnereien laut Zeitungsbericht, dass 1949 auch die Landwirte als Käufer von Gemüsepflanzen für die Gärtnereien ausfielen. Der Grund: Als Folge des Marshallplanes hatte es im Vorjahr eine erhebliche Gemüseeinfuhr aus den Niederlanden gegeben, die lokalen Erzeuger waren darum auf ihren Produkten sitzen geblieben. Diese Erfahrung hatte die lokale Produktion ausgebremst. Der Marshallplan, der die Nachkriegswirtschaft stimulieren sollte, erwies sich so für die jeverschen Gärtnereien als Hemmnis.
Das European Recovery Program (ERP), bekannt als Marshallplan, war ein Wirtschaftsförderungsprogramm der USA für den Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Von 1948 bis 1952 wurden Hilfen im Wert von ca. 13,12 Milliarden US-Dollar an westeuropäische Staaten geleistet. Unter den am Programm teilnehmenden Staaten befanden sich neben den im Zweiten Weltkrieg mit den USA verbündeten Staaten wie Großbritannien, Frankreich und den Beneluxländern auch die früheren Kriegsgegner Bundesrepublik Deutschland und Österreich.
Die Hilfsleistungen bestanden größtenteils aus Krediten sowie der Lieferung von Rohstoffen, Lebensmitteln und Industriegütern. Das Programm sollte den Staaten entscheidende Impulse zum Wiederaufbau ihrer Wirtschaft geben.
Benannt wurde das Programm nach dem damaligen US-Außenminister George C. Marshall (Amtszeit 1947 bis 1949), der es angestoßen hatte. 1953 wurde er dafür mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
