WESTERSTEDE - Die Westerstederin hat als „Volontärin“ bei den Salesianern Don Boscos gearbeitet. Sie lebte mit den ärmsten Bevölkerungsschichten Südamerikas zusammen.
von Christine Thole
WESTERSTEDE - Ich sitze im Bus von Cusco zurück nach Calca, blicke auf die von der Sonne bestrahlenden Anden und lausche der Salsa-Musik im Radio. Neben mir hat sich eben eine Indigena-Frau hingesetzt, wirft ihre zwei langen schwarzen Zöpfe nach hinten, rückt ihren Rock ein wenig zurecht und stillt ihr kleines Kind.Diese Szenerie ist für mich seit langem alltäglich und völlig selbstverständlich.
Angesichts des ungewöhnlichen Essens oder der kleinen zwischenmenschlichen Unterschiede, wie der unterschiedlichen Auffassung von Zeit, musste ich mich erst nach und nach an dieses Land und an seine Leute anpassen. Doch die Arbeit in meinem Projekt half mir dabei ungemein. So lebe ich mit 8- bis 16jährigen Kindern zusammen, deren Eltern so genannte Campesinos, Landwirte, sind. Dazu muss man sagen, dass diese Menschen die beinahe ärmste Bevölkerungsschicht in Peru darstellen.
Auf dem Weg nach Amparaes oder Lares (wo die Salesianer ebenfalls Projekte haben), der über 4500 Meter Höhe führt und einen unvergesslichen Blick auf die Anden bietet (für mich als Deern vom platten Land sehr gewöhnungsbedürftig), sieht man vereinzelte Lehmhütten, mit einem kleinen Stück Land für die Alpakas, jedoch ohne Elektrizität oder hygienische Einrichtungen. Als ich dies zum ersten Mal sah, verschlug es mir die Sprache, denn wo sonst wird der Stall der Meerschweinchen (hier eine Delikatesse) nachts zum Bett der Campesinos umgebaut?
Fast dreieinhalb Monate nach diesem ersten zaghaften Antasten an die neue Kultur erscheint mir dieses Leben mit Stromausfällen bis zu 14 Stunden oder fehlendem Warmwasser als Selbstverständlichkeit.
Hier ist eben alles etwas anders.
Während am Freitagvormittag in Westerstede der Eiermann aus voller Kehle für seine Eier wirbt oder gerade der Fischmann im blau-weiß gestreiften Hemd sich auf Platt mit einer Kundin unterhält, werden hier auf dem Mercado (Markt) Kuhfüße für die Suppe oder Schafsköpfe verkauft, während die Frauen frische Piñas, Mangos oder Cocablätter anbieten. Gesprochen wird auf solchen Mercados in der Regel die alte Inka-Sprache Quetchua.
Da ich nur das Spanisch beherrsche, nutzen meine Kids dies oft aus, um mich auf Quetchua vollzuquatschen und sich anschließend kaputt zu lachen, da ich nur verwundert: „Qué?” frage. Doch gerade solche Ereignisse haben dazu beigetragen, dass ich Marleny, Alfredo, Dina und Co. so lieb gewonnen habe.
Schließlich vergaß ich dann neulich meine erzieherische Rolle und begann, mich an der Sahneschlacht zu beteiligen. Alle waren hinterher fast so „blanco“ wie ich, doch das war es mir wert. So verbringe ich also mein freiwilliges soziales Jahr hier im Andenstaat Peru, der mehr zu bieten hat, als Panflötenspieler, Alpakas und Cocablätter.
Ich werde das Ammerland mit völlig neuen Augen sehen – und wenn der Strom mal ausfallen wird oder es kein warmes Wasser gibt, lächle ich innerlich und denke zurück an meine Zeit in Peru.
