Oldenburg - Von vornherein steht für das Clavichord ein dicker Pluspunkt zu Buche. Das Tasteninstrument eignet sich in keiner Weise für jene Musik-Abarten aus klebrigem und kreischendem Sound, der im Supermarkt, im Laden, an der Tankstelle, im Restaurant, sogar in mancher Bank auf die Kunden hinunterrieselt. Viel zu feinfühlig ist das Clavichord. Es ist ein leises Instrument, trotzdem aber kein Leisetreter.
„Seit 1400 ist die Existenz des Clavichords belegt“, sagt Dietrich Hein. Da lässt sich dieser Vorläufer des Hammerklaviers und des modernen Flügels altmodisch nennen. Doch er verschafft sich bis heute Gehör. Man muss dazu, inmitten lauter Umgebung, nur eben die Ohren etwas mehr spitzen.
Hein, Oldenburger Cembalobauer und Clavichord-Restaurator mit einem Ruf über Deutschland hinaus, ist einer von drei Akteuren eines Workshop-Wochenendes und eines Konzertes. Alles widmet sich jenem Instrument, das über Jahrhunderte als das musikalische Übe-Instrument galt. Dr. Kadja Grönke vom Institut für Musik an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg hat die Federführung. Seit fünf Jahren hält die Privatdozentin die Klavierreihe „Dialogkonzerte“ in Schwung. Als Pianistin ist die Französin Marcia Hadjimarkos schon 2018 in diesem Rahmen aufgetreten. Jetzt macht sie sich theoretisch und praktisch für die „Magie des Clavichords“ stark.
Die Werkstatt von Hein in einem der letzten Altbauten am Stau hält einige Alt- und Neubauten von Clavichorden vor. Sie stehen wie flache Truhen auf hohen Beinen. Bei hochgeklapptem Deckel breiten sie sichtbar fast die gesamte Technik aus: vorn links die Tastatur, „auch schon mal aus thüringischer Linde“. Dahinter die in ganzer Breite übers Instrument reichenden Saiten. Rechts der Resonanzboden, „wie bei Geigen und Celli aus alpiner Fichte“. Mittendrin die sogenannten Tangenten.
Diese Metallplättchen am Ende des Tastenhebels bringen das Herz des Instruments zum Schlagen. Sie treffen auf die Saiten. Die sind nach links wie mit einem Steg abgedämpft. Der Ton breitet sich über den rechten Teil aus, gewissermaßen aus einem Schwingungsknoten heraus. Folglich hat die Dynamik Grenzen. Aufs Heute projiziert: Wer im Mietshaus Clavichord übt, bekommt nie Probleme mit den Nachbarn.
Doch gerade der Ton macht den Zauber aus und erklärt das Diktum von Klaviergigant Ludwig van Beethoven: „Nur auf dem Clavichord habe ich den Ton ganz in meiner Gewalt!“ Er klingt nicht nur weiter, solange die Taste gedrückt bleibt. „Ich kann ihn immer noch formen, es geht sogar ein leichtes Vibrato“, demonstriert Hein. „Das Instrument ist sehr expressiv und erlaubt subtile Nuancen“, bekundet Hadjimarkos. „Der Spieler muss für jeden Anschlag eine besondere Intention entwickeln.“
Lange stand das Clavichord für Hausmusik. „Das wurde manchmal richtig als Angeber-Ding vorgeführt“, sagt Hein lachend. Für größer werdende Säle reichte das Volumen ab dem 19. Jahrhundert nicht mehr. Cembalo, mit anderer Zupftechnik, Hammerklavier und Klavier eroberten die Räume. Doch der Reiz ist geblieben. „Gerade auf leise Töne reagiert unser Gehör genauer und intensiver“, weiß Hein.
Weil Musik auch etwas mit Stille zu tun hat, ist das Clavichord nie verschwunden. „Gerade moderne Pianisten spornt es dazu an, die Balance der Hände intensiv zu beobachten, den Anschlag der Finger und den Klang zu differenzieren, alles zum Singen zu bringen“, findet Hadjimarkos. „Es ist der beste Lehrer.“ Auch András Schiff übt auf dem Clavichord, Friedrich Gulda hatte eine CD eingespielt. Längst widmen sich zeitgenössische Komponisten dem Dinosaurier-Instrument.
Kadja Grönke setzt mit dem Clavichord-Projekt einen kleinen persönlichen Traum in den Alltag. „Es geht uns immer darum, universitäre Lehre auch in die Stadt zu bringen, wir wollen nicht im kleinen Kreis bleiben.“ Haben die Dialog-Konzerte schon im Zentrum begonnen, damals im Salon von Piano Rosenkranz, so geht es diesmal am Samstag und Sonntag in die Werkstatt Hein und am Dienstag ins Schloss. Da wird aus etwas Elitärem richtig etwas für Enthusiasten.
