Großheide/Ypern - Obwohl er immerhin schon mit Mike Oldfield auf der Bühne gestanden hat, gibt es für ihn trotzdem Auftritte, die selbst das noch toppen. Freddy the Piper, seines Zeichens Dudelsackspieler aus Großheide, durfte kürzlich im belgischen Ypern an der „The Last Post“-Zeremonie teilnehmen. Die traditionsreiche Verunstaltung erinnert an die Gefallenen des britischen Commonwealth im Ersten Weltkrieg. „Dass ich als Deutscher dort mitmachen durfte, war für mich eine große Ehre“, sagt Freddy the Piper. Letztlich kam er dann so gut an, dass er am nächsten Tag gleich noch einmal spielen durfte.
Brutale Schlacht in Flandern
Im Ersten Weltkrieg lag Ypern direkt an der Westfront und war extrem hart umkämpft. Die brutalen militärischen Auseinandersetzungen, im Zuge derer die Deutschen erstmals Chlor- und Senfgas einsetzten, verloren rund eine halbe Million Soldaten ihr Leben. Noch heute ist „Yperit“ im Französischen ein gängiges Synonym für Senfgas. „Wir haben einige der Gräber besucht“, erzählt Freddy the Piper. „Das ist unfassbar, wenn du die Inschriften liest und dir klar wird, wie jung die damals alle waren. Die sind meistens erst 16 oder 17 Jahre alt gewesen und manche sogar noch jünger, als sie sterben mussten.“ 1927 errichtete man an einer der alten Stadttore von Ypern einen Ehrenbogen mit einer Gedenkhalle und den Namen von knapp 55000 vermissten Soldaten. In diesem „Menenpoort“ wird seit dem 1. Mai 1928 abgesehen von Unterbrechungen während des Zweiten Weltkrieges täglich um 20 Uhr mit einem Hornsignal und einer Schweigeminute der Gefallenen gedacht. „The Last Post“ (zu deutsch „der letzte Wach-Posten“) bezieht sich dabei auf die von den Bläsern intonierte Melodie, die von Joseph Haydn komponiert worden sein soll.
„Flowers oft the Forest“
Die Einladung zu der Gedenkveranstaltung in Ypern erhielt Freddy the Piper von einem hochrangigen belgischen NATO-Funktionär. „Wir hatten uns bei einem meiner Auftritte im Rheinland kennengelernt“, erinnert sich der Musiker. „Das hat ihm wohl gefallen. Jedenfalls meinte er, ich müsste unbedingt zu ‘The Last Post’ nach Ypern kommen und dort spielen. Dass das irgendwann tatsächlich klappen würde, damit habe ich allerdings ehrlich gesagt zunächst überhaupt nicht gerechnet.“ Als die Zusage kam, willigt er trotzdem sofort ein. Von den fünf Stücken, die Freddy the Piper vorschlagen sollte, entschieden sich die Organisatoren für die schottische Ballade „Flowers of the Forest“, die im britischen Königshaus einen besonderen Stellenwert einnimmt. Dieses Lied erklang unter anderem 2021 während der Beisetzung von Prinz Philip, dem Duke von Edinburgh und Gemahl von Königin Elisabeth II., als dessen Sarg in die royale Gruft heruntergelassen wurde.
Veteranen zeigen sich ergriffen
Zur Zeremonie im Menningpoort kommen immer viele Schaulustige, die sich hinter diversen Absperrungen versammeln. Denn der Innenraum bleibt weitgehend den Hornbläsern vorbehalten. Denen musste sich Freddy the Piper für seinen Auftritt im Gleichschritt anschließen. „Wir hatten das nicht vorher zusammen geprobt“, berichtet er. „Ich finde, dafür hat es ganz ordentlich geklappt.“ Darüber hinaus gab es wie häufig bei „The Last Post“ üblich Kranzniederlegungen, die teils von Nachfahren der Gefallenen und teils von Schülerinnen und Schülern durchgeführt werden. „Das war das pure Gänsehauterlebnis“, beschreibt Freddy the Piper die Atmosphäre in einem Satz. „Nachher sind noch ein paar Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg auf mich zugekommen. Die waren dermaßen gerührt, die hatten Tränen in den Augen.“ Die Organisatoren in Ypern zeigten sich ebenfalls sichtlich bewegt und fragten ihn, ob er am nächsten Tag ein zweites Mal spielen könnte. Zum Glück hatte Freddy the Piper, ursprünglich um sich die Gegend ein bisschen nähern anzuschauen, sein Hotelzimmer für eine weitere Nacht gebucht. Und eine Reservierung für 2025 steht auch schon. Dann soll der Mann aus Großheide mit seinem Dudelsack nämlich wieder in Ypern auftreten.