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nordwest-zeitung

Erinnerung an Hermann Tempel Leeraner warnte vor dem Nationalsozialismus und wurde ein Opfer des Terrors

Hermann Tempel im Jahr 1920.

Hermann Tempel im Jahr 1920.

privat

Leer - Wer in Leer kennt die Geschichte von Hermann Tempel? Wohl längst nicht jeder, dabei war er einer der großen Söhne der Ledastadt – nach ihm ist das Haus der Stadtbibliothek benannt – bis er ein Opfer des Nazi-Terrors wurde. Am Mittwoch, 27. Dezember, jährt sich sein Todestag zum 80. Mal. In einer Zeit, von der mancher sagt, sie ähnele den 1920er Jahren, ist das Anlass, an den Mann zu erinnern, der als Sozialdemokrat im Reichstag eindringlich vor dem Nationalsozialismus warnte und deshalb fliehen musste. Aber die Häscher des Nazi-Regimes fassten ihn dennoch.

Hermann Tempel wurde am 29. November 1889 in Ditzum als Sohn des dortigen Dorfschullehrers geboren, schildert der SPD-Stadtverband Leer auf Nachfrage. Hermann Tempel wird Lehrer und unterrichtet ab 1910 zunächst an der Schule in Bunde. 1913 erhält er seine endgültige Anstellung an der reformierten Volksschule in Leer. Im Februar 1915 wird Hermann Tempel zum Militärdienst eingezogen und muss am Ersten Weltkrieg teilnehmen. Nach schwerer Verwundung wird er Ende 1916 vorzeitig aus dem Militärdienst entlassen und kann ab 1917 seinen Beruf als Lehrer wieder aufnehmen.

Vielfältiges Engagement

Schließlich kehrt er nach Leer zurück und dort wird er – auch als Lehre aus dem Ersten Weltkrieg – 1919 Mitglied der SPD. Aufgrund seines Einsatzes wird Hermann Tempel schon bald in den Leeraner Stadtrat gewählt, gehört diesem bis 1933 an. Zusammen mit Wilhelmine Siefkes und Louis Thelemann gründet er den „Volksboten“ und bauen einen ehemaligen Seuchenstall zu einem Veranstaltungsort und Jugendhaus aus, in das auch die Arbeiterwohlfahrt einzieht.

Hermann Tempel 1942, zwei Jahre vor seinem Tod. Bild: privat

Hermann Tempel 1942, zwei Jahre vor seinem Tod. Bild: privat

Hermann Tempel engagiert sich vielfältig für Menschen in Not. So ist es kein Wunder, dass man ihn als Kandidaten für die Reichstagswahl 1924 nominiert. Das Ansinnen scheitert zwar, doch Hermann Tempel zieht als Nachrücker 1925 in den Reichstag ein. Von da an wird er bei allen freien Wahlen bis 1933 direkt wiedergewählt. Er übernimmt die Sachgebiete Landwirtschaft und Fischerei und wird zuständiger Sprecher der SPD-Fraktion im Reichstag. In dieser Funktion tritt er immer wieder im Parlament auf und spricht häufig als erster Redner nach dem zuständigen Minister.

Warnungen vor dem Nationalsozialismus

Dabei warnt er vor allem in den dreißiger Jahren vor der Gefahr durch den Nationalsozialismus. Hermann Tempel ahnt, dass die zunehmende Gewalt das Ende der ersten deutschen Demokratie werden könnte. Auch in der Heimatstadt Leer muss der Reichstagsabgeordnete um sein Leben fürchten. Im Sommer 1933 sieht sich Hermann Tempel gezwungen, aus Deutschland zu fliehen. Seine engsten Freunde – Wilhelmine Siefkes und Louis Thelemann – rieten ihm eindringlich zu diesem Schritt. Hermann Tempel flüchtet in die Niederlande und lebt bis zum Überfall durch deutsche Truppen im Mai 1940 in Amsterdam.

Der Gestapo gestellt, um Menschen zu schützen

Eine erneute Flucht von dort scheitert. Schließlich stellt er sich der Gestapo, nachdem diese einen früheren Wohnungsgeber in Geiselhaft genommen hatten. Der frühere Reichstagsabgeordnete will nicht, dass ein anderer an seiner Stelle büßen muss. Hermann Tempel wird zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt, aus der er am 6. Dezember 1942 nach vielem Bangen doch entlassen wird. Während der Zeit im Gefängnis verfasst er seine „Verse aus der Zelle“, die einen Blick in sein Seelenleben und die Haftbedingungen gewähren. Am 27. November 1944, zwei Tage vor seinem 55. Geburtstag und wenige Monate vor dem Ende von Krieg und Nazi-Herrschaft, stirbt Hermann Tempel an den Folgen seiner Haft. Nicht einmal sein letzter Wunsch wird ihm erfüllt, in seiner ostfriesischen Heimat beigesetzt zu werden. Noch heute findet sich sein Grab auf dem Gertrudenfriedhof in Oldenburg.

Eine Delegation von SPD-Mitgliedern aus Leer fährt am Todestag von Hermann Tempels nach Oldenburg und legt einen Kranz an seinem Grab nieder.

Axel Pries
Axel Pries Ostfriesland-Redaktion/Leer