Harlingerland - Die bitteren Erfahrungen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit dauerten Anfang der fünfziger Jahre in vielen Dingen noch an: Hohe Arbeitslosigkeit, Flüchtlinge, Vertriebene und auch heimische junge Menschen verließen in Scharen die Region. Die einst dominierenden Wünsche nach Verbesserung der Ernährung konnten zwar erfüllt werden, doch viele Familien lebten in einfachsten Verhältnissen. Das im Westen der Bundesrepublik ständig an Fahrt zunehmende Wirtschaftswunder hatte den ländlichen Raum an der südlichen Nordseeküste noch nicht erreicht. Hinzu kam eine in vielen Bereichen marode Infrastruktur. So waren im Landkreis Wittmund noch etwa 800 Kilometer Wirtschaftswege nicht befestigt. „Fastsitten“ mit dem Auto war in nassen Jahreszeiten etwas Alltägliches.
Schäden
Eine Kette gravierender Naturereignisse verschärfte die Situation. Da war nicht nur die Hollandflut im Februar 1953, die auf den Inseln Schäden verursachte, Spuren in vielen Küstenorten hinterließ und die Friedrichsschleuse in Carolinensiel weitgehend unbrauchbar machte. Gegen Jahresende waren nach vorausgegangenen milden Wochen erneut schwere Stürme zu verzeichnen. Mitte Januar 1954 brachte ein mehrtägiger Orkan die Schifffahrt in der Deutschen Bucht zum Erliegen. Auf den Inseln gab es zwar vereinzelt Dünenabbrüche, doch die Festlanddeiche hielten. In der zweiten Januarhälfte 1954 trat ein langanhaltender strenger Frost auf. Die Schneefälle waren so gering, dass sich keine schützende Schneedecke für die Pflanzenwelt ausbilden konnte.
Nach Aufzeichnungen der Wetterdienste gehörte der Februar zu den zehn kältesten Februarmonaten der vergangenen hundert Jahre. Die maximalen Eindringtiefen des Frostes in den Boden betrugen auf der Geest bis zu 80 cm, in der Marsch 40 cm und im Hochmoor etwa 25 cm. Die tägliche Arbeit wurde stark eingeschränkt und bald entwickelte sich im Wattengebiet eine massive Eisdecke, die den Schiffsverkehr zu den Inseln zum Erliegen brachte. Der anhaltende Ostwind führte zu niedrigen Wasserständen und heftigem Eisgang.
Inseln unterversorgt
Rasch wurde die Versorgung der Inseln schwierig. Auf Spiekeroog lebten damals etwa 900 Menschen, auf Langeoog waren es etwa 1.600. Die Transporte von und zu den Inseln erfolgten jetzt mit kleineren Pferdefuhrwerken bzw. Schlitten und, so wurde von Langeoogern immer wieder erzählt, auch mithilfe von Autos. Kleinflugzeuge transportierten bei Bedarf wichtige Dinge wie Arzneimittel. Die meisten Insulaner hatten sich aus Erfahrung früh genug mit Lebensmitteln, Viehfutter und Brennmaterial eingedeckt. Und nicht zu vergessen: Sie lebten wieder das einfache Leben früherer Generationen und „krakeelten nicht wegen jeder Kleinigkeit“, wie es in einer alten Aufzeichnung heißt. Tag für Tag sah man Männergruppen, die bei klirrendem Frost mit ihren Schlitten und Rucksäcken über das Eis zum Festland und zurück liefen, um Versorgungsgüter heranzuschaffen.
Leben normalisiert sich
Nach einigen Wochen normalisierte sich das Leben auf der Insel wieder. Auf dem Festland kam es besonders im ausklingenden Winter/beginnenden Frühjahr bei entsprechender Witterungslage zu großflächigen Überschwemmungen in den Niederungsgebieten der noch nicht ausgebauten Binnengewässer.
Am 21./22. Dezember 1954 gab es schließlich noch einen schweren Orkan mit Windgeschwindigkeiten bis zu 180 km/h, der entlang der Deiche zu außergewöhnlich hohen Wasserständen führte. In Bensersiel wurden damals 3,74 Meter über NN gemessen und in Neuharlingersiel verzeichnet die Erinnerungstafel am Hafentor 3,79 Meter.