Borkum - Die Diskussionen um das Klaasohm-Fest auf Borkum reißen nicht ab. Was es mit dem Brauch auf sich hat, versuchte Dr. Welf-Gerrit Otto, Leiter der Kulturagentur der Ostfriesischen Landschaft, herauszufinden. Denn bis heute ziehen in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember verkleidete Männer über die Insel, verteilen Moppen (ein Honigkuchengebäck) an Kinder und stürzen sich schlussendlich von einer Litfaßsäule in eine Menschenmenge – nachdem sie Frauen Hiebe verpasst haben. Aufgrund teils heftiger Schläge auf das Gesäß ist das Fest nun medial in den Fokus gerückt und steht massiv in der Kritik.
In Nebel gehüllt
Der Brauch an sich ist sehr nebulös. „Zu vielen seiner Aspekte können wir nur Mutmaßungen anstellen“, sagte Dr. Otto im Gespräch mit unserer Redaktion. Der Ursprung von Klaasohm ist direkt auf der Insel zu finden, insbesondere beim Verein Borkumer Jungens e.V. 1830. Dr. Otto erklärte, dass im Verlauf des 19. Jahrhunderts regionale Bewegungen in ganz Europa als Gegengewicht zu den aufkommenden Nationalstaatsbewegungen entstanden. Diese Bewegungen verfolgten das Ziel, regionale Bräuche zu bewahren und neue Traditionen zu schaffen, um das Heimatgefühl in der eigenen Region zu stärken. Es ist möglich, dass auch Klaasohm in diesem Kontext initiiert wurde. „Allerdings weiß ich nicht, ob dies zutrifft; es ist nur eine mögliche Erklärung. Genauso gut könnte es sich um einen Brauch mit einer langen Tradition handeln“, betonte Dr. Otto.
Der Name Klaasohm setzt sich dabei wahrscheinlich aus „Klaas“ für Nikolaus und „Ohm“, einem alten Begriff für Onkel, zusammen. Gemeint ist Nikolaus von Myra, der Schutzheilige der Seefahrer. „Da Ostfriesland, genauso wie die Niederlande, sehr von der Seefahrt geprägt ist, ist das Nikolausfest lange Zeit der höchste Feiertag im Jahr gewesen“, erklärte der Leiter der Kulturagentur.
Initiationsritus?
Tatsächlich gibt es die Vermutung, dass Klaasohm mit der Seefahrt in Verbindung steht. „Die Seefahrer haben auf ihren Reisen verschiedene Kulturen kennengelernt und vermutlich Aspekte dieser Kulturen aufgegriffen und mit nach Hause gebracht. So ist bekannt, dass die Borkumer bis vor Grönland gefahren sind. Und dort gibt es ebenfalls Männerbünde, von denen Frauen ausgeschlossen sind“, sagte Otto. Häufig würden bei solchen Männerbünden Initiationsriten durchgeführt werden, sprich Bräuche, durch die Jugendliche in den Kreis der Erwachsenen eingeführt werden. „Der Verein Borkumer Jungens könnte darauf fußen, da der Verein jungen Männern vorbehalten ist“, mutmaßt der Kulturamtsleiter. Nicht selten würden Initiationsriten mit Praktiken einhergehen, wobei sich die jungen Menschen Schmerzen aussetzen. „Allerdings richten sich diese Praktiken häufig gegen einen selbst und nicht gegen andere“, so Otto. Derweil würden die Kostümierungen bei Klaasohm archaisch anmuten und an Kostüme erinnern, die auch bei indigenen Bevölkerungen anzutreffen sind.
Der Klaasohm-Brauch wird bisweilen aber auch damit erklärt, dass die Insel Borkum während der Wochen und Monate, in denen die Männer auf Walfang waren, in Frauenhand war und die Männer sich die Insel während der Klaasohm-Feierlichkeiten von den Frauen „zurückerobert“ haben.