Leverkusen/Oldenburg - Glückwunsch an Bayer 04 Leverkusen! Die Mannschaft hat nicht nur die meisten Punkte auf dem Konto, sondern spielt auch den besten Fußball. Diese Meisterschaft ist völlig verdient – das erkenne ich als Bayern-Fan neidlos und bedingungslos an. Für die Bundesliga und für den Fußball insgesamt ist es gut, dass die beispiellose Ära des FC Bayern mit elf (!) Meisterschaften in Folge jetzt zu Ende ist. Leverkusen darf sich heute Abend zu Recht von seinen Fans feiern lassen, doch weder Spieler noch Trainer Xabi Alonso werden es mit dem Feiern übertreiben: Die Mannschaft wird fokussiert bleiben, womit wir auch gleich bei den Gründen für diesen historischen Erfolg der Leverkusener sind.
Fokus
Bereits nach den ersten Spieltagen der Saison hatten viele Experten die Leverkusener als Meisterschaftskandidat auf dem Zettel. Die Mannschaft spielt erfolgreich und attraktiv, lässt den Ball schön laufen und spielt die Tore heraus. Hinweise auf den Tabellenplatz und zarte Fragen nach der Meisterschaft wurden von Beginn an abgeblockt. „Wir fokussieren uns nur auf uns.“ Diese häufig ausgesprochene Phase wird in Leverkusen 1:1 umgesetzt. Ob die Bayern oder andere schwächeln oder ob andere Überraschungsmannschaften wie Stuttgart plötzlich oben mit dabei sind: All das interessierte die Werkself nicht, sie sammelte Woche für Woche die nötigen Punkte zur Meisterschaft ein. Der Meistertitel hat deswegen auch nix mit der Schwäche der Bayern zu tun. Geschwächelt hatten die Münchner in den vergangenen Jahren auch – Dortmund und andere waren lediglich nicht konsequent genug, um dies zu nutzen. Im vergangenen Jahr reichten 71 Punkte zur Meisterschaft, davor 77 und 78, bis 2012 hatte nie eine Mannschaft 80 Punkte geholt – ein Wert, den Leverkusen übertreffen wird, da bin ich sicher. Die Meisterschaft ist also allein der eigenen Stärke und dem Fokus auf sich selbst zuzuschreiben.
Trainer
Xabi Alonso fiel bereits als Spieler durch seine hohe Spielintelligenz auf. Von seiner Position im zentralen Mittelfeld hat er das Spiel gelesen, Sicherheit ausgestrahlt, die richtigen Pässe gespielt und – wenn der Torwart zu weit draußen war – auch mal aus großer Distanz getroffen. Ich erinnere mich noch an sein zweites Spiel im Bayern-Trikot: 2014 in Köln war er sofort Dreh- und Angelpunkt des Münchner Spiels, hatte 206 Ballkontakte (alle 26 Sekunden) – Rekord seit Datenaufzeichnung und ein Zeichen dafür, dass seine Mitspieler ihm sofort vertrauten. Dieses Gefühl hat man auch, wenn man dieser Mannschaft beim Spielen zuschaut. Sie vertraut ihrem Trainer und seinen Anweisungen bedingungslos. Wenn nötig, zeigt er im Training zudem, dass er es immer noch kann: Auf Videos war zu sehen, wie der Welt- und Europameister seinen Schützlingen den Ball perfekt in den Lauf spielt. Nachmachen, bitte! Natürlich muss ein Trainer nicht Fußball spielen können. Jede Sportlerin und jeder Sportler weiß jedoch, dass dies das Ansehen erhöhen kann bzw. ihm auf keinen Fall schadet. Zudem ist Alonso auf und neben dem Platz ein Vorbild: Skandale oder Kontroversen gab es um ihn nie.
Als Trainer ist Alonso intelligent genug, nicht gleich bei einem großen Klub anzufangen – was er nach seiner großen Spielerkarriere sicher hätte tun können. Von 2019 bis 2022 trainierte der Baske die 2. Mannschaft seines Heimatvereins San Sebastian. Im Sommer 2022 beendete er dieses Engagement nach der abgeschlossenen Saison und schaute nach Angeboten/Chance. Diese ergab sich im Oktober 2022 in Leverkusen. In der Saison 2022/2023 schaute er sich den Kader an und wusste im vergangenen Sommer, wo noch Verbesserungsbedarf ist.
Kader
Jung und alt, kreative sowie robuste Spieler und einige, die in schwierigen Phasen zeigen, wo es lang geht: Xabi Alonso hat die perfekte Mischung zusammengestellt. Victor Boniface, Granit Xhaka, Jonas Hofmann sowie Alejandro Grimaldo, um nur die auffälligsten Zugänge zu nennen – alle haben sich sofort optimal in die Mannschaft eingefügt. Trainer Alonso verstand es zudem, die Belastung auf viele Schultern zu verteilen, Stichwort Rotation. Denn dass die Meisterschaft in dieser Saison gelang, wo im Januar/Februar einige Spieler zum Afrika-Cup und zum Asien-Cup abgestellt werden mussten, macht sie noch besonderer. Diese Rotation funktioniert nur, wenn jeder seine Aufgaben und den Spielstil der Mannschaft bestens kennt. Etwas Verletzungspech in der Offensive wurde mit der Leihe von Borja Iglesias ausgeglichen – auch er wurde von Xabi Alonso bewusst ausgewählt und fügte sich nahtlos ein.
Kämpfen bis zum Schluss
Viele Spiele gewann Leverkusen in den Schlussminuten. Eine Qualität, die sonst den Bayern vorbehalten war und von deren Nicht-Sympathisanten häufig mit „Dusel“ oder „Glück“ herabgewertet wurde. Damit hat dies jedoch nichts zu tun. Wer unermüdlich anrennt und bis zum Schluss an den Sieg oder den Ausgleich glaubt, spielt den Gegner müde, bis irgendwann der eine Fehler passiert und das Tor fällt. Was vielleicht im ersten Moment und von außen wie Glück aussieht, ist beim genaueren Hinsehen ein erzwungener Fehler des Gegners, der die ganze Zeit unter Druck stand und verteidigen musste – was nicht nur körperlich, sondern auch für den Kopf sehr anstrengend ist und die Wahrscheinlichkeit eines Fehlers erhöht.
Rekord möglich
Die Feierlichkeiten werden sich auf das, was heute auf dem Rasen passiert, beschränken, denn Leverkusen hat noch mehr vor. DFB-Pokal und Europa League, das „kleine Triple“ ist noch möglich, die Mannschaft wird beim Gang in den Kabinentrakt bereits den vollen Fokus auf das Rückspiel in London gegen West Ham richten. Zudem kann sie erreichen, was noch nie einer Mannschaft gelang: Eine ganze Saison ungeschlagen zu bleiben, wie Arsenal London vor 20 Jahren. Angesichts der Tatsache, dass sie jedoch noch gegen Dortmund und Stuttgart spielen und der Fokus bei einer feststehenden Meisterschaft dann vielleicht etwas mehr auf dem Europapokal liegt, wage ich die Prognose, dass es noch eine Niederlage geben wird. Was die grandiose Leistung aber keinesfalls schmälert!
Es bleibt festzuhalten: Vizekusen ist Geschichte! Leverkusen ist deutscher Fußballmeister!Hoffentlich bleiben Mannschaft und Trainer noch einige Zeit in dieser Konstellation zusammen.