Leverkusen - Für kurze Zeit war die Meisterschale im Getümmel verschwunden. Etliche Fans durften am Samstag die Titelkrönung nach jahrzehntelangem Warten mit der Trophäe feiern, die Bayer Leverkusens Kapitän Lukas Hradecky im Feierrausch an die Anhänger in der Nordkurve weitergegeben hatte. Der Finne holte sich das begehrte Stück nach dem 2:1 gegen den FC Augsburg aber schnell wieder - und reckte sie weitere Male in die Höhe.
Auch der sonst ungern im Mittelpunkt stehende Meistermacher Xabi Alonso konnte sich den Fans an diesem besonderen Tag nicht entziehen. Der Spanier ließ sich am Zaun hochziehen und wurde anschließend hundertfach umarmt. Die schönsten Umarmungen bekam Alonso aber nach seiner Rückkehr, als ihn seine Frau und drei Kinder auf dem Rasen ausgiebig herzten. Auch DFB-Sportdirektor Rudi Völler, der bis 2022 insgesamt rund 25 Jahre bei Bayer gearbeitet hatte, saß bewegt auf der Tribüne und wippte rhythmisch zu den Fangesängen.
FC Bayern München verpasst Vizemeisterschaft
Nicht mal als Vizemeister und mit einer Niederlage hat sich Thomas Tuchel vom FC Bayern München verabschiedet. Der 50-Jährige verlor zum Saisonfinale der Fußball-Bundesliga mit dem entthronten Titelverteidiger am Samstag bei der TSG 1899 Hoffenheim mit 2:4 (2:1) - nach einer 2:0-Führung. So mussten die Münchner dem VfB Stuttgart den zweiten Tabellenplatz überlassen.
Absteiger der Bundesliga-Saison 2023/24
Im Herzschlagfinale am Nachmittag wurde der Abstieg des 1. FC Köln durch das 1:4 beim 1. FC Heidenheim besiegelt. Der VfL Bochum muss nach dem 1:4 bei Werder Bremen in die Relegation und gegen den Zweitligadritten Fortuna Düsseldorf um den Klassenerhalt spielen. Der Tabellenletzte Darmstadt 98, der seit dem 31. Spieltag als Absteiger feststeht, verabschiedete sich mit einem 0:4 bei Borussia Dortmund aus der Bundesliga. Die Rettung feierten der 1. FC Union Berlin durch das 2:1 gegen den SC Freiburg und der FSV Mainz 05 durch das 3:1 beim VfL Wolfsburg.
Champions-League- und Europa-League-Plätze
Die Champions-League-Teilnehmer Leverkusen, Bayern, Stuttgart, RB Leipzig und Borussia Dortmund standen bereits vor dem Spieltag fest. Eintracht Frankfurt sicherte durch das 2:2 gegen RB Leipzig Platz sechs ab. Damit ist mindestens die Europa League für die Hessen sicher. Gewinnt Dortmund am 1. Juni die Champions League, spielt auch die Eintracht nächste Saison in der Königsklasse. Für Hoffenheim bedeutet Platz sieben erst einmal die Qualifikation für die Playoffs der Conference League. Gewinnt Leverkusen am 25. Mai das DFB-Pokal-Finale gegen Zweitligist 1. FC Kaiserslautern, kommt der Siebte in die Europa League. In diesem Fall spielt der Tabellenachte in den Playoffs zur Conference League - und das ist Heidenheim nach dem Sieg gegen Köln.
Bayer Leverkusen feiert historische Meisterschaft
Es war für Bayer Leverkusen eine historische deutsche Meisterschaft, die erste überhaupt. Doch es wurde auch bundesweit ein historischer Titel. Denn Leverkusen ist die erste Mannschaft in der Bundesliga-Geschichte, die die ganze Saison ohne eine einzige Niederlage absolviert hat. Zudem ist es für alle Leverkusener eine besondere Saison: Außer Josip Stanisic als Ergänzungsspieler mit dem FC Bayern war noch nie ein aktueller Bayer-Spieler deutscher Meister.
Nach dem Schlusspfiff beim hatte sich der Leverkusener Rasen in eine Party-Zone verwandelt. Die Bayer-Profis hüpften zu „Looking For Freedom“ von David Hasselhoff ausgelassen auf dem Rasen umher. Den größten Sonder-Jubel erhielt beim Gang auf das Alonso.
Die Leverkusener hatten zu Beginn des Jahrtausends ein echtes Meister-Trauma entwickelt. In den Jahren 2000 und 2002 verspielten sie im Saison-Finale sicher geglaubte Titel und bekamen den Beinamen „Vizekusen“. Der ist nun abgestreift. „Die Geschichte hat Bayer noch eine Schale geschuldet“, hatte Club-Chef Fernando Carro gesagt. In den Finalspielen der Europa League am Mittwoch in Dublin gegen Atalanta Bergamo und im DFB-Pokal am kommenden Samstag gegen Zweitligist 1. FC Kaiserslautern kann Bayer die Saison mit einem Triple krönen.
Insgesamt 51 Pflichtspiele ist Bayer vom Start weg ungeschlagen. Mit 90 Punkten verpasste Bayer den historischen Punkterekord der Münchner aus der Saison 2012/13 um einen Zähler, was niemanden stören dürfte. Victor Boniface (12.) und Nationalspieler Robert Andrich (27.) hatten Bayer zum Abschluss gegen Augsburg mit 2:0 in Führung gebracht, der erst 18 Jahre alte Mert Kömür wurde bei seinem Startelf-Debüt mit dem Anschlusstreffer (62.) zum jüngsten Augsburger Bundesliga-Torschützen. Die Augsburger verpassten die theoretische Minimalchance auf ihre zweite Europacup-Teilnahme. Der im Oktober verpflichtete Trainer Jess Thorup hat dem FCA aber souverän die 14. Erstliga-Saison in Folge gesichert.
Die Leverkusener Fans feierten auf der Tribüne eine fast durchgängige Partie, die sie nur einmal freiwillig für einen bewegenden Moment unterbrachen. Nach 19:04 Minuten gedachten sie für eine Minute all jenen aus der Bayer-Familie, die die lange ersehnte Meisterschaft nicht mehr erlebt haben.