Emden/München/Berlin/Köln - Mit einer gewissen Regelmäßigkeit tauchen gebürtige Ostfriesen im deutschen Profi-Fußball auf: Bevor Sportmediziner Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt die große Bühne betrat und verletzte Bayern-Stars wie auch Nationalspieler auf fast schon wundersame Weise heilte, wuchs er im ziemlich beschaulichen Landkreis Wittmund auf. Der gebürtige Emder Ferydoon Zandi machte seine ersten fußballerischen Gehversuche bei Blau-Weiß Borssum bevor er für Vereine wie den SC Freiburg oder den 1. FC Kaiserslautern auflief. Aktuell gibt es drei Ostfriesen, die die erste und zweite Bundesliga mal mehr, mal weniger mitprägen.
Jan-Christian Dreesen: Der mit Abstand mächtigste Ostfriese im deutschen Fußball steht an der Spitze des FC Bayern: Jan-Christian Dreesen (56) beerbte im Sommer 2023 Oliver Kahn als Vorstandschef des Rekordmeisters. Zuvor war er zehn Jahre lang Finanzvorstand und stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Der gebürtige Auricher sitzt zudem im Vorstand der Europäischen Klub-Vereinigung und gehört dem Präsidium der Deutschen Fußball-Liga (DFL) an. So viel Einfluss hatte ein Ostfriese im deutschen Fußball noch nie.
Geboren und aufgewachsen in Aurich, heute Bayern-Boss: Jan-Christian Dreesen. Bild: imago
Dass er einmal in eine solch gewichtige Sportfunktionär-Position kommen würde, war 1987 natürlich noch nicht absehbar. Damals legte Dreesen am Gymnasium Ulricianum in Aurich sein Abitur ab. Während er als aktiver Fußballer nicht aus dem Amateurbereich herauskam (Verteidiger bei der Sportvereinigung Aurich), stieg er im Beruf als Banker zügig in die 1. Liga auf – Vorstandsmitglied der Hypo-Vereinsbank, Deutschlandchef der Schweizer Großbank UBS und dann Transfer zur BayernLB. 2013 holte Uli Hoeneß ihn zum FC Bayern.
Vor seinem Amtsantritt als Bayern-Boss war Dreesen beim Rekordmeister äußerst beliebt. Kein Wunder: Als Finanzvorstand berichtete er meist von sprudelnden Gewinnen. Nun steht er als Manager an vorderster Front und muss die schlechteste Bayern-Saison seit Klinsmann qua Amt politisch mitverantworten. Von Kritik ist allerdings wenig zu hören. Die Diskussion beschränkt sich auf Team und Trainer.
Mit seiner Heimat ist der mächtige Fußball-Manager nach wie vor eng verbunden, schaut schonmal für ein Treffen seines Abitur-Jahrgangs vorbei, oder unterstützt als Turnierpate den Ostfriesland-Cup.
Dreesen ist verheiratet und hat zwei Söhne. 2017 verlor der passionierte Jäger einen Finger bei einem Jagd-Unfall. Das brachte ihm eine Operation und eine Schlagzeile in der Bild-Zeitung ein. „Jagd-Unfall! Bayern-Finanzchef schoss sich Finger ab“, schrieb das Boulevard-Blatt damals.
Ralf Thaeter: Gegen das Etikett „einflussreicher Sport-Funktionär“ würde Ralf Thaeter (62) sich mit Sicherheit wehren, er sieht sich als Unterstützer der Entscheidungsträger von Fußball-Zweitligist Hertha BSC. Seit Oktober 2023 gehört er dem Präsidium an. „21 Kandidaten hatten sich auf vier Plätze beworben. Es steckte kein langer Plan dahinter, aber ich wurde gewählt“, sagte Thaeter jüngst in einem Interview mit dieser Redaktion.
Dr. Ralf Thaeter, in Emden geboren und aufgewachsen, sitzt im Präsidium von Hertha BSC. Bild: privat
Der heute 62-Jährige stammt aus Emden, wo sein Vater das Einzelhandelsgeschäft „Spiel + Sport Thaeter“ gründete. Nach dem Abitur 1981 verließ Ralf Thaeter die Seehafenstadt, machte Karriere als Wirtschaftsanwalt und landete schließlich in Berlin. Als ein Freund ihn Ende der 90er-Jahre ins Olympia-Stadion mitnahm, war es um Thaeter geschehen. Seither ist er Hertha-Fan, besitzt eine Dauerkarte.
In den vergangenen Jahren haderte Thaeter mit der Entwicklung in seinem Lieblingsverein. Deshalb trat er auch bei der Präsidiumswahl an. Er will etwas zum Positiven verändern. Seine Rolle interpretiert er so: „Mein ganzes Berufsleben habe ich mit Investoren und Finanzierung zu tun (...). Für das Operative ist die Geschäftsführung zuständig. Wenn es rechtliche oder wirtschaftliche Dinge zu klären gibt, kann sie mich aber fragen: ’Ey, Ralf, was hältst du davon?’ Auf diese Weise muss sie nicht gleich einen externen Berater beschäftigen.“
Zuletzt durchschritt der gebürtige Emder mit seinem Verein ein tiefes Tal. Mit nur 43 Jahren starb der äußerst beliebte und umtriebige Präsident Kay Bernstein überraschend. Ein Schock für die ganze Hertha. In Thaeters Augen lässt sich Bernsteins Bedeutung gar nicht groß genug einschätzen. „Kay war die Verbindung zwischen Verein, den Mitgliedern und den Fans, dazu eine große Identifikationsfigur. Vor Kay Bernstein war Hertha vielen einfach egal geworden, jetzt nicht mehr. Das ist vielleicht sein größter Verdienst: Hertha hat wieder an Relevanz gewonnen.“
Timo Schultz: Über die Emotionen kann es vielleicht gehen. Nach dem irren 2:1-Sieg gegen Bochum, bei dem der 1. FC Köln das Spiel innerhalb von 99 Sekunden drehte, ist die Mannschaft von Timo Schultz (46) wieder dran am Relegationsplatz. Im Januar hat der Ostfriese beim „EffZeh“ den Trainerposten übernommen, seither läuft es zwar nicht überragend, den Umständen entsprechend aber okay. Und nun der wichtige Sieg gegen Bochum. Der Esenser Timo Schultz könnte sich im fußballverrückten Köln unsterblich machen – wenn er den „EffZeh“ vor dem Abstieg bewahrt.
Von Wittmund auf die große Fußball-Bühne: Timo Schultz ist Trainer des 1. FC Köln. Bild: imago
Das Erbe, das Schultz angetreten hat, ist allerdings kein einfaches: Abstiegskampf, Herzschmerz bei den Fans über die Trennung von Steffen Baumgart und eine Transfersperre (Strafe für eine Anstiftung zum Vertragsbruch bei einem Jugendspieler). Halleluja... . Unter diesen Voraussetzungen muss man dem Esenser Schultz wohl attestieren, dass er sich wacker schlägt. „Ich bin sicher nicht Steffen Baumgart 2.0“, stellte „Schulle“ kürzlich klar.
Vielleicht hilft ihm seine norddeutsche Nüchternheit, wer weiß. Für eine ehrliche Analyse aber sicher nicht die schlechteste Eigenschaft. Das Fußball-Handwerk wurde Timo Schultz übrigens in die Wiege gelegt. 1977 in Wittmund geboren, dauerte es nicht lange, bis es auf den Fußball-Platz ging. Vater Reinhard war Trainer und Funktionär. Vom TuS Esens ging es für seinen Sohn im Jugendalter zu Werder Bremen, wo er in der Regionalliga unter anderem unter Coach Thomas Schaaf spielte. 2012 wechselte Timo Schultz nach Stationen in Lübeck und Kiel zum FC St. Pauli, avancierte zum Publikumsliebling, wurde Nachwuchs-Coach und schließlich sogar Cheftrainer. Nach einem kurzen Gastspiel beim FC Basel soll er nun den 1. FC Köln vor dem Abstieg bewahren.