Emden/Berlin - Im Oktober 2023 ist Dr. Ralf Thaeter Mitglied ins Präsidium von Hertha BSC gewählt worden. In nur wenigen Monaten erlebte der gebürtige Ostfriese, dessen Familie jahrzehntelang Teil des Einzelhandels in Emden war, extrem bewegte Zeiten mit dem Hauptstadt-Club. Im Interview spricht er über seinen persönlichen Weg nach Berlin und den plötzlichen, tragischen Tod von Hertha-Präsident Kay Bernstein, der nur 43 Jahre alt wurde.
Herr Dr. Thaeter, 1981 haben Sie im beschaulichen Emden ihr Abitur abgelegt. 43 Jahre später wohnen Sie im nicht ganz so beschaulichen Berlin und sitzen im Präsidium von Hertha BSC...
Ralf Thaeter: Dazwischen lag wirklich noch eine ganze Menge, aber ja (lacht). Kurz zusammengefasst: Nach der Schule hat man mir einen Jura-Studienplatz in Passau zugewiesen, 1000 Kilometer entfernt von Emden. Meine Anwaltslaufbahn habe ich in Stuttgart bei einer großen, international tätigen Kanzlei begonnen, war ein Jahr lang in Washington, dann vier Jahre im Büro in Prag und bin schließlich für meine Kanzlei 1997 nach Berlin gegangen.
Und dann ging es wahrscheinlich irgendwann mal ins Olympiastadion?
Thaeter: Ein Freund, ein echter Berliner, hat mich 1998 ins Stadion mitgenommen. Das hat mich einfach beeindruckt. Ich kann nicht erklären warum, aber seitdem bin ich Hertha-Fan, habe seit Jahren eine Dauerkarte. Es hat mich einfach gepackt.
Ralf Thaeter ist 62 Jahre alt. Der gelernte Wirtschaftsanwalt ist in Emden geboren und aufgewachsen. Durch seinen Job kam er viel rum, arbeitete in Stuttgart, Washington und Prag. Seit 1997 wohnt er mit seiner Frau Manuela in Berlin. Thaeter hat zwei erwachsene Söhne.
Und das Präsidium?
Thaeter: Bei Hertha ist in den letzten Jahren Grauenhaftes passiert. Ein Niedergang, trotz ungeheurer Summen, die mit Investor Lars Windhorst kamen. Viele Trainerwechsel und Spielertransfers, die nicht eingeschlagen haben. Irgendwann habe ich mir gesagt: Genug gemeckert, was kannst du tun? Mein ganzes Berufsleben habe ich mit Investoren und Finanzierung zu tun. Mein Wissen wollte ich dem Verein zur Verfügung stellen und bin bei der Präsidiumswahl angetreten. 21 Kandidaten hatten sich auf vier Plätze beworben. Es steckte kein langer Plan dahinter, aber ich wurde gewählt.
Was ist denn ihre Aufgabe im Hertha-Präsidium und wie lässt sich ihre Arbeit als Wirtschaftsanwalt damit verbinden?
Thaeter: Nach dem tragischen Tod von Kay Bernstein sind wir noch sieben Mitglieder im Präsidium. Alle mussten ein paar Aufgaben mehr übernehmen – klar, wenn ein so aktiver Präsident plötzlich nicht mehr da ist. Der Verein hat finanzielle Probleme, muss einen strikten Sparkurs fahren, das ist kein Geheimnis. Ich versuche, Hertha dabei zu helfen, diesen Weg weiterzugehen. Beruflich trete ich inzwischen kürzer, sodass ich Zeit für das Engagement bei Hertha habe.
Wie muss man sich die Arbeit im Führungsgremium des Zweitligisten vorstellen?
Thaeter: Für das Operative ist die Geschäftsführung zuständig. Wenn es rechtliche oder wirtschaftliche Dinge zu klären gibt, kann sie mich aber fragen: ,Ey, Ralf, was hältst du davon?‘ Auf diese Weise muss sie nicht gleich einen externen Berater beschäftigen. Hertha ist aber nicht nur Fußball, sondern ein großer Sportverein mit über 50.000 Mitgliedern. Es gibt neben dem Fußball auch Abteilungen für Boxen, Sportkegeln und Tischtennis. Der Verein und die aktive Fanszene fördern viele soziale Projekte.
Kay Bernstein war unglaublich beliebt im Verein. Sein Tod im Januar war ein Schock für den Verein. Wie haben Sie diese Zeit bei der Hertha erlebt?
Thaeter: Wir waren gerade im kleinen Kreis über eine vertragliche Frage im Austausch, als Fabian Drescher, unser Vize-Präsident, mich anrief und sagte: Kay ist tot. Das war surreal und in jeder Hinsicht unerwartet. Er ist nur 43 Jahre alt geworden, wurde wirklich aus der Mitte seines Lebens gerissen. Die Lücke, die er hinterlassen hat, ist gewaltig. Kay war die Verbindung zwischen Verein, den Mitgliedern und den Fans, dazu eine große Identifikationsfigur. Vor Kay Bernstein war Hertha vielen einfach egal geworden, jetzt nicht mehr. Das ist vielleicht sein größter Verdienst: Hertha hat wieder an Relevanz gewonnen.
In einem Nachruf des rbb (Rundfunk Berlin-Brandenburg, Anm. d. Redaktion) hieß es, Bernstein sei der Mann, der die Hertha einte. Wie groß war seine Bedeutung?
Thaeter: Das ist ein gutes Bild. Kay kam aus der Fanszene, war ein Kind der Kurve, wurde dann Unternehmer und unser Präsident. Er kannte beide Welten und hat sie miteinander vereint. Gewählt von den Mitgliedern hatte er eine herausgehobene Stellung. Hinzu kam, dass er ein sehr aktiver Präsident war. Das macht es umso schwieriger, ihn zu ersetzen. Kay hat die Leute weit über die Berliner Fanszene hinaus bewegt. Die Fankurven der gegnerischen Vereine haben ihm von sich aus bei unseren Heim- und Auswärtsspielen gedacht, was besonders bewegend war. Kay hat einfach einen Nerv getroffen.
Wie geht es jetzt für Hertha und für Sie persönlich weiter?
Thaeter: Im Herbst wird auf der Mitgliederversammlung turnusgemäß neu gewählt. Bis dahin ist Fabian Drescher kommissarisch Präsident.
Wäre das Präsidenten-Amt etwas für Sie?
Nein. Dafür bin ich nicht genug Zukunft. Ich bin Gegenwart. Ob ich wieder fürs Präsidium kandidiere, werde ich zu gegebener Zeit entscheiden.