In der Notaufnahme des Emder Klinikums kam es im September zu einem Vorfall, bei dem der Angehörige eines Patienten auf einen Arzt und zwei Pflegerinnen attackiert haben soll. Die Klinik reagiert – mit Sicherheitsdienst, Videokameras und noch einigem mehr.

Herr Dr. Dinse-Lambracht, Frau Abbas, in der Notaufnahme des Emder Klinikums kam es vor Kurzem zu einem unerfreulichen Zwischenfall. Was ist passiert?

Alexander Dinse-LambrachtDer Vater eines jungen Erwachsenen war offenbar unzufrieden über die Einbindung in den Behandlungsverlauf und die Wartezeit. Dann ist er Mitarbeitern gegenüber beleidigend und aggressiv geworden. Er hat sie unangemessen berührt und Drohungen ausgesprochen.

Womit drohte er?

Dinse-LambrachtEr wolle auf die Mitarbeiter – ein Arzt und zwei Pflegerinnen – warten, wenn sie das Krankenhaus verlassen, und ihnen Schaden zufügen.

Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Dinse-LambrachtZum einen nehmen wir das als Anlass, uns zu überlegen, was wir verbessern können, damit es nicht mehr zu solchen Übergriffen kommt. Es ist für uns aber auch ein Punkt, an dem wir sagen wollen, dass wir so etwas nicht tolerieren. Unsere Mitarbeiter sind 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Menschen da. Und da möchten wir, dass ihnen mit Respekt begegnet wird.

Eigentlich wollen die Mitarbeiter des Emder Klinikums Menschen helfen. Nun mussten sie selbst Hilfe organisieren, nachdem es zu einem unerfreulichen Vorfall gekommen ist.

REAKTION AUF ÜBERGRIFF Emder Klinikum engagiert Sicherheitsdienst für die Notaufnahme

Peter Saathoff
Emden

Ist der Vorfall zur Anzeige gebracht worden?

Dinse-LambrachtJa. Wir haben auch in der Nacht direkt die Polizei informiert, und die ist sehr schnell gekommen. Das müssen wir so machen, weil nur die Polizei professionellen Zwang ausüben kann. Außerdem war es uns wichtig, den Beamten mitzuteilen, dass es nicht nur um verbale Beleidigungen ging, sondern auch um einen klaren physischen Übergriff.

Wie gehen die betroffenen Mitarbeiter mit dem Vorfall um?

Sonja AbbasSie waren bestürzt von dem Vorfall. Es sind zwar alle dienstfähig geblieben und haben auch die nächsten Nächte noch gearbeitet, aber es hat sie und das gesamte Team drumherum aufgewühlt. Da es sich bei dem Angreifer um den Vater eines erwachsenen Patienten mit körperlichen Beschwerden handelt, erklärt es sich auch nicht etwa aus einer psychiatrischen Notfallsituation heraus, bei der ein gewisses Maß an verbaler Übergriffigkeit durchaus erwartbar ist.

Nun gibt es Angriffe auf Rettungspersonal schon etwas länger. Wie bereiten Sie Ihre Mitarbeiter vorab auf schwierige Situationen und Übergriffe vor?

Sonja AbbasDie Priorität liegt auf Deeskalationstraining. Allen unseren Mitarbeitern bieten wir während der Einarbeitung und auch später als Auffrischungskurs die Teilnahme an entsprechenden Schulungen an, damit sie solche Situationen besonnen und ruhig entschärfen können. Das Deeskalationstraining findet regelmäßig statt, damit Sicherheit im Umgang mit Ausnahmesituationen entsteht. Außerdem lernen unsere Mitarbeiter, Patienten sicher und schonend zu fixieren, falls das nötig wird. Und jetzt überlegen wir, ob wir Selbstverteidigungskurse anbieten und zusätzliche Workshops rund um Kommunikationsstrategien, um auch in Stresssituationen angemessen zu kommunizieren.

Haben Sie über Sicherheitspersonal nachgedacht?

Dinse-LambrachtJa. Befristet auf vier Wochen haben wir fürs Emder Klinikum sofort einen Sicherheitsdienst engagiert. Das ist aber ein zweischneidiges Schwert. Es ist so, dass das Sicherheitspersonal einen anderen Eindruck auf aggressive Menschen macht, sodass diese hoffentlich gar nicht erst übergriffig werden. Andersrum ist es so, dass das Sicherheitspersonal im Unterschied zu den Polizeikräften auch keinen körperlichen Zwang ausüben darf. Es hilft aber dem subjektiven und objektiven Sicherheitsempfinden der Mitarbeiter. Und dann rüsten wir technisch auf.

Heißt das, Sie überwachen die Notfallaufnahme mit Videokameras?

Dinse-LambrachtGenau. In Teilen hatten wir das schon, jetzt wollen wir die Überwachung auf weitere Bereiche ausdehnen. Und zwar überall dort, wo es zum größten Kontakt zwischen Personal, Patienten und Angehörigen kommt. Außerdem wollen wir den Zugang zur Notaufnahme stärker kontrollieren und alle Rechner mit einem stummen Alarm ausstatten, der mit der Polizei verbunden ist. Und dann gestalten wir zurzeit Plakate, die die Arbeit in der Notaufnahme verständlich machen, also erklären, warum es beispielsweise bei der Behandlungsreihenfolge in der Notaufnahme nicht nach dem Erscheinen geht – aber auch, um unsere dringende Erwartung an angemessenes, freundliches Verhalten gegenüber unseren Mitarbeitern zu formulieren.

Peter Saathoff
Peter Saathoff Emder Zeitung