Hooksiel - Der Blick von Kapitän Simon Harms (70) ist fest gerichtet auf die Nordsee, während er mit gespielter Leichtigkeit durch das Fahrwasser vor Hooksiel navigiert. Während sein Kollege, Kapitän Volker Heil (58), die Gäste über die Besonderheiten dieses Seegebietes und seine Sehenswürdigkeiten informiert, hat Harms immer auch einen Blick auf die elektronische Seekarte. Auch wenn Harms das Gebiet kennt wie seine Westentaschen und die See heute ruhig ist, „man muss immer aufpassen. Die Nordsee ist heimtückisch.“ Strömungen, Wind und die Tide von bis zu 3,80 Meter seien hier besondere Herausforderungen. Darum hat der 70-Jährige, der selbst jahrelang zur See gefahren ist und im Rentenalter eben nicht ganz loslassen kann, auch immer den Tiefenmesser im Blick. Harms und Heil sind seit zwei Jahren ein eingespieltes Team auf der „Jens Albrecht“, dem Seebäderschiff der Reederei Karsten Ilse von der Wangerländer Seetouristik. Komplettiert wird die Besatzung durch Decksmann und Smutje Manfred Brandt.
Einmal um die Störtebekerbank
In der Saison (von April bis Oktober) fährt die „Jens Albrecht“ dreimal täglich zu verschiedenen Touren auf die Nordsee. Heute geht es auf die gut zweieinhalbstündige Störtebeker-Tour. Warum diese Tour so heißt, dazu hat Kapitän Heil eine ganz eigene Theorie. „Wir fahren hier ja einmal um die Störtebekerbank zwischen Schillig und Hooksiel. Und diese sieht man eben nicht immer. Nur bei Ebbe. Genau wie den Piraten Störtebeker, sofern es ihn denn gab“, sagt Heil mit einem Augenzwinkern. „Denn den sah man auch nie kommen.“
Während Simon Harms die „Jens Albrecht“ aus dem Außenhafen von Hooksiel vorbei am LNG-Terminal und der „Hoegh Esperanza“ steuert, ertönt über die Außenlautsprecher die Erklärungen von Volker Heil. „Ich finde es wichtig, den Gästen unser maritimes Flair und was damit zusammenhängt zu erklären. Besonders die Neugier der Kinder freut mich immer wieder.“
Weiter Richtung Vogelinsel
Das Wetter meint es an diesem Tag übrigens besonders gut. Bei strahlendem Sonnenschein passiert die „Jens Albrecht“ mit gemütlichen acht Knoten (knapp 15 km/h) die Vogelinsel Mellum. „Sie ist eine von insgesamt drei verbotenen Inseln“, erklärt Kapitän Heil. Soll heißen: Bis auf Vogelforscher, die die Vogelwelt erkunden und Arten katalogisieren und zählen, haben Menschen auf dieser Insel keinen Zutritt. Und während der 58-Jährige noch erklärt, dass es im Watt bis zu 4000 verschiedene Tierarten gibt, deutet Simon Harms auf eine nahegelegene Sandbank. Mit bloßem Auge sind sie nicht zu erkennen, nur wer ein Fernglas dabei hat, kann die zwischen 1,40 und 1,70 Meter großen und bis zu 100 Kilogramm schweren, grau-pelzigen Artgenossen der Nordsee entdecken: Seehunde. „Da haben wir aber wirklich Glück“, freut sich die achtjährige Sandra aus Bochum. Sie verbringt gerade mit ihren Eltern ein verlängertes Wochenende in Hooksiel und wollte unbedingt einmal aufs Meer fahren.
Die Besatzung der „Jens Albrecht“: Simon Harms (von links), Manfred Brandt und Volker Heil
Sebastian Urbanczyk
Stephan Köhl hilft beim Ablegen
Sebastian Urbanczyk
Krabbenkutter liegen in direkter Nachbarschaft zur „Jens Albrecht“ im Außenhafen Hooksiel
Sebastian Urbanczyk
Rettungsinseln sorgen für die notwendig Sicherheit bei einer Havarie
Sebastian Urbanczyk
Rechts das LNG-Terminal mit der „Hoegh Esperanza“ und dem Jade-Weser-Port links
Sebastian Urbanczyk
Vogelinsel Mellum
Sebastian Urbanczyk
Netze der Muschelfischer
Sebastian Urbanczyk
Smutje Manfred Brandt sorgt für die Verpflegung
Sebastian Urbanczyk
Leuchtturm Mellum Plate
Sebastian Urbanczyk
Der Blick auf die elektronische Seekarte
Sebastian Urbanczyk
Der Tiefenmesser
Sebastian Urbanczyk
Jede Fahrt der „Jens Albrecht“ wird im Schiffstagebuch festgehalten.
Sebastian Urbanczyk
Volker Heil erklärt, wo es lang geht
Sebastian Urbanczyk
Während Simon Harms das Schiff steuert
Sebastian UrbanczykLeuchtfeuer und Radarturm
Die Störtebekertour hat aber nicht nur Einblicke in die Natur zu bieten. Auf ihrer Fahrt passiert das Seebäderschiff unter anderem den Radarturm Hooksiel Plate und das Leuchtfeuer Mellumplate. Beide Einrichtungen dienten im Zweiten Weltkrieg als Flakstellungen zur Flugzeugabwehr. Und die Gäste erfahren, warum die Türen auf solchen Gebäuden wie dem Leuchtfeuer Mellumplate immer offen stehen. „Damit havarierte Seeleute immer die Möglichkeit haben, sich auf solchen Leuchtfeuern in Sicherheit zu bringen“, erschallt es über die Außenlautsprecher.
Von Pommes und Muschelfang
Mittlerweile befindet sich die „Jens Albrecht“, nachdem sie das Leuchtfeuer Mellumplate umrundet und die Insel Minsener Oog an der Steuerbordseite (rechts) passiert hat, wieder auf dem Rückweg in Richtung Außenhafen Hooksiel. Bei Smutje Manfred Brandt, der inzwischen acht Jahre auf der „Jens Albrecht“ ist, herrscht mittlerweile Hochbetrieb. Unten im Salon stehen die Fahrgäste an, um ihren Hunger zu stillen. „Seeluft macht eben hungrig“, ist aus der Schlange zu hören. In der knapp zehn Quadratmeter großen Kombüse schwenkt Brandt Pommes, richtet Currywürste und Fischbrötchen her und gibt an die Kleinen Süßigkeiten aus. „Die sind natürlich bei Kindern der Renner“, sagt der 53-Jährige. Durch die kleine Ausgabe steht er in direktem Kontakt mit den Gästen. Natürlich hat der erfahrene Smutje so auch den einen oder anderen Tipp parat. „Wirklich viel Seegang haben wir hier ja nicht, aber viele sind das Auf und Ab eben nicht gewöhnt. Der weite Blick auf den Horizont hilft am besten bei Übelkeit“, so sein Rat.
Lange: 33,67 m
Breite: 6,22 m
Tiefgang: max. 1,35 m
Höchstgeschwindigkeit: 10 Knoten (19 Km/h)
Passagierzahl: 250
Heimathafen: Horumersiel
Schiffstyp: Seebäderschiff
Eigner: Wangerländer Seetouristik Reederei Karsten Ilse
Stapellauf: April 1960
Andere Namen: „Mürwik“ (1960 - 1990)
Wer sich nach wohlverdienter Stärkung wieder aufs Oberdeck begibt, entdeckt kurz vor dem Einlaufen in den Außenhaufen backbord (links) seltsame schwarze dicke Tampen mit rundlichen Gebilden auf der Wasseroberfläche. „Das sind die Fangnetze der Muschelfischer“, erklärt Volker Heil. Auf einer Länge von knapp 20 Metern ragen die mit Blei beschwerten Netze 1,50 Meter ins Wasser. „Ende Oktober werden die Netze dann abgeerntet.“
Nachhaltige Schifffahrt
Nach gut zweieinhalb Stunden macht die „Jens Albrecht“ am Außenhafen wieder fest. Manfred Brandt springt als Erster an Land und bringt die Reling in Position. Kapitän Volker Heil hilft beim Festmachen. Hier muss eben jeder mit anpacken. Und während die Fahrgäste das Schiff verlassen, erzählt Heil von einer weiteren Besonderheit der „Jens Albrecht“. „Wir achten an Bord sehr auf Nachhaltigkeit. Im Gastrobereich verzichten wir vollkommen auf Plastik.“ Und auch beim Kraftstoff steht das Umweltbewusstsein im Vordergrund. „Wir setzen auf den Betriebsstoff GTL und sind damit meines Wissens das einzige Seebäderschiff hier an der Küste“, so Heil. Dabei handelt es sich um einen alternativen synthetischen Dieselkraftstoff, der aus Erdgas gewonnen wird und weniger Rußpartikel enthält. Daher ist auch der typische Dieselgeruch nicht so ausgeprägt wie bei anderen Schiffen dieser Art. Und noch während der letzte Gast die „Jens Albrecht“ verlässt, bereitet die Crew das Schiff schon wieder vor. Denn in gut einer Stunde geht es für Volker Heil, Simon Harms und Manfred Brandt schon wieder auf die Nordsee für den nächsten Turn.
Einen Überblick über alle Fahrten gibt es unter seetouristik-nordsee.de.