Drei-Klassen-Gesellschaft, immer größer werdende Schere, nur noch Männer-Bundesliga-Teams in der Frauen-Bundesliga: Wie MSV-Duisburg-Trainer Thomas Gerstner die Lage der Liga sieht, welche Ideen er – neben einer Aufstockung der 14er-Liga – noch hat und warum er das Wort Abstiegskampf meidet.
Herr Gerstner, Sie sind schon 2018 als Trainer bei den Duisburger Frauen angefangen, jetzt sind Sie dort wieder in der Verantwortung. Was hat sich in den knapp fünf Jahren verändert, im Frauenfußball, in der Liga, bei den MSV-Frauen?
GerstnerNicht so viel, ehrlich gesagt. In der Frauen-Bundesliga hat sich nur verändert, dass dort ein paar neue Clubs ganz vorne dabei sind, die um die ersten drei, vier Plätze spielen können, sonst eigentlich nichts.
Thomas Gerstner (56) spielte als Fußball-Profi überwiegend in der 2. Liga und unter anderem bei Arminia Bielefeld (1985-1988), beim VfB Oldenburg (1990-1993, 105 Spiele) und beim VfL Wolfsburg (1993/94). Als Trainer war er unter anderem bei Carl Zeiss Jena und Bielefeld, bevor er 2017 die U-19-Frauen Nordkoreas übernahm. 2018 übernahm er die Frauen des MSV Duisburg zum ersten Mal (bis 2021). Seit April dieses Jahres steht er wieder bei den Duisburgerinnen an der Seitenlinie. Die Saison seines Ex-Clubs VfB Oldenburg hat er „natürlich verfolgt“: „Wir hatten eine super Zeit damals“, sagt er – auch damals waren Klaus Berster und Wolfgang Sidka schon beim VfB. Den Abstieg Oldenburgs aus der 3. Liga bedauert er.
In den letzten Monaten verbucht die Liga doch einen Zuschauer-Rekord nach dem anderen.
GerstnerDas stimmt, es gibt schon einen Hype, das sieht man an diesen Aktionen, wo 30000 Fans und mehr in die großen Stadien kommen. Aber die sportliche Situation insgesamt hat sich leider kaum verändert.
Inwiefern?
GerstnerEs ist zum Beispiel leider es immer noch so, dass die Bundesliga aus drei Gruppen besteht. Das sind die ersten vier, die um Meisterschaft und Champions League spielen, die zweiten vier, und die letzten vier, die gegen den Abstieg spielen.
Stimmt, die Top 4 haben einen großen Vorsprung vor dem Rest – und das sind alles Clubs, die auch in der Männer-Bundesliga vertreten sind.
GerstnerJa, das ist auf der einen Seite traurig. Aber es ist eben so, dass in Zukunft nur die Clubs eine Chance haben werden, die ein lizenziertes Männerteam hinter sich haben, am besten auch ein Bundesliga-Team. Weil da eben eine oder auch zwei Millionen Euro keine Rolle spielen. Das Geld ist wie immer ein großer Faktor. Nächstes Jahr soll es vom Streaminganbieter DAZN zwar eine ganze Menge Fernsehgeld geben. Das kann helfen, weil da alle Teams etwas bekommen. Aber die Schere zwischen den Teams unten – Duisburg, Meppen, Essen – und den anderen da oben wird insgesamt immer größer. Potsdam steigt jetzt ab, nach 30 Jahren, dafür kommt RB Leipzig hoch, und die werden nichts mit dem Abstieg zu tun haben.
Was müsste sich Ihrer Meinung nach verändern?
GerstnerJa, wo fangen wir an, wo hören wir auf. Da gibt es kein Patentrezept. Es steht und fällt ja alles mit dem Geld. Wenn man sieht, was es für Unterschiede in der Liga gibt, müsste vielleicht der ein oder andere Verband helfen, um das ausgeglichener zu gestalten. Vielleicht müsste man auch die Liga aufstocken auf mehr Teams, damit man spannendere Partien in der unteren Tabellenhälfte hat.
Weitere Ideen?
GerstnerEs wären Rabatt-Aktionen möglich, dass Zuschauer eines Männer-Spiels der ersten, zweiten, dritten Liga für sehr kleines Geld auch zu den Frauen-Spielen kommen, einfach um die Zuschauerzahlen höher zu kriegen. Oder man macht ein richtiges Event draus, wie im American Football oder anderen Sportarten, speziell in den USA. Da gehen die Leute wegen des Events hin, nicht nur wegen des Spiels. Man könnte auch über Doppel-Veranstaltungen nachdenken, dass die Frauen direkt vor den Männern spielen, oder direkt danach. Ich bin kein Marketing-Experte, aber ich könnte mir vorstellen, dass so eine Aktion ganz gut ankommt.
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GerstnerNaja, man darf die Frauen-Bundesliga natürlich nicht mit der Männer-Bundesliga vergleichen. Da sind ja andere Voraussetzungen, auch physisch. Aber ich kenne auch einige Leute, die immer gesagt haben: Nee, das tue ich mir nicht an. Und dann waren sie mal bei einem Spiel und haben gesagt: Das kann man sich doch ganz gut angucken. Also auf dem hohen Level ist das schon gut anzuschauen. Und beim MSV Duisburg, da geht es halt ums Kämpfen. Es haben auch schon einige gesagt: Wenn unsere MSV-Männer mal so kämpfen wie die Frauen!
Apropos: Sie sind mit dem MSV im Abstiegskampf…
GerstnerNein, sind wir nicht.
Nein?
GerstnerNein, wir sind im Kampf um den Klassenerhalt. Dieses Wort mit A beinhaltet ja schon was Negatives.
Da haben Sie Recht. Immer positiv bleiben. Also sind Sie optimistisch?
GerstnerIch bin optimistisch, weil ich Berufsoptimist bin und sein muss als Trainer. Die letzten Spiele haben gezeigt, dass wir mit Mannschaften, selbst wie Freiburg, auf Augenhöhe spielen. Deshalb sind wir sehr optimistisch, auch die Mädels.
