Westerholt/Kreuth - Irgendwie ist alles unglaublich schnell gegangen, findet Romy Hollander. Erst vor zwei Jahren hat sie begonnen, Turniere im norddeutschen Raum zu besuchen. Das Westernreiten gehört nicht unbedingt zu den Sportarten, die in den Küstengebieten weit verbreitet sind. Die 14-Jährige aus Westerholt hat aber nicht nur Spaß an ihrem Sport. Sie hat auch das Talent. Auf Anhieb gewann die junge Reitsportlerin die Trophy des Landesverbands Bremen Niedersachsen und sicherte sich den Sport-Award. In diesem Jahr legte Romy Hollander noch eine gewaltige Schippe drauf. Ihre Erfolge sicherten ihr die Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft in Kreuth (Bayern). In insgesamt fünf Wettbewerben durfte die Westerholterin antreten. Im Trail holte sie mit einer überragenden Vorstellung Silber. Doch um überhaupt bei der DM dabei sein zu können, bedurfte es Überzeugungsarbeit.
„Harley D Good“ wird von Romy Hollander lediglich „Sid“ gerufen. Bild: Thomas van Lengen
Es hätte leichter sein können, wenn sie im Fußball, Handball oder in der Leichtathletik starten würde. Denn dann wäre es ihrer Schule einfacher zu vermitteln gewesen, warum sie für mehrere Tage vom Unterricht freigestellt werden muss. „In Bayern wäre das kein Problem gewesen, da kennt jeder Westernreiten“, sagt Romy Hollander. In Ostfriesland hingegen genießt der Sport eher einen Nischenstatus. Tatsächlich gibt es mit dem Westernreitturnier auf dem Voßhörnerhof in Neuschoo im Frühjahr und Herbst gerade einmal zwei Gelegenheiten, den Sport kennenzulernen.
Kreuth ein Mekka des Westernreitens
Zunächst mit einer Reitbeteiligung, später mit dem eigenen Pferd „Sid“ begann die steile Karriere. Zweimal im Monat arbeitet Trainerin Hiltrud Rath jeweils für vier Tage mit dem Gespann. „Ansonsten trainiere ich ganz allein“, erzählt die 14-Jährige. Alle zwei Tage ist sie für etwa drei Stunden am Hof und arbeitet an dem, was ihr Trainerin Rath mit auf den Weg gegeben hat. „Romy hat eine gute Aufnahmefähigkeit. Sie ist ein sehr fokussierter und motivierter Mensch“, sagt Mutter Sandra, die natürlich mit zur Deutschen Meisterschaft gefahren ist.
Reittraining um 2 Uhr mitten in der Nacht
Elf Stunden Anreise und rund 900 Kilometer Strecke sind es aus Westerholt bis ins Nahe der deutsch-österreichischen Grenze gelegene Kreuth, das sich einmal im Jahr ins Mekka des Westernreitens verwandelt. Mehr als 600 Reitsportler gehen dann in verschiedenen Disziplinen und Leistungsklassen auf Schleifenjagd.
„Es ist eine andere Welt“, sagt Romy Hollander, „eigentlich sind wir dort die Hobbyreiter gewesen.“ Tatsächlich hat die Konkurrenz, vorwiegend aus Bayern und Baden-Württemberg, ganz andere Ställe, Trainer und finanzielle Möglichkeiten. Und auch die Bedingungen vor Ort waren eher ungewöhnlich. Mit Trainerin Hiltrud Rath und „Sid“, dessen richtiger Name eigentlich „Harley D Good“ lautet, musste sie mitten in der Nacht die Wettkampfstätten begutachten und testen. Um zwei Uhr morgens standen alle drei im Viereck, um zu trainieren. Doch die Anstrengungen sollten sich auszahlen.
Vertrauen von Pferd und Reiter gefordert
Gleich in vier Disziplinen hatte sich die 14-Jährige für die DM qualifiziert, jeweils 60 Westernreiter gingen an den Start. In zwei Wettbewerben stieß sie ins Finale der besten Zwölf vor, darunter auch in ihrer Lieblingsdisziplin Trail. Der Reiter muss hier sein Pferd in allen Gangarten durch einen Stangenparcours lenken, möglichst ohne diese zu berühren. Jedes Berühren der Stange gibt Punktabzug.
Der Trail ist somit eine Disziplin, die viel Geschick, höchste Präzision und Zusammenspiel sowie Vertrauen von Pferd und Reiter erfordert. Und genau hier sollte Romy Hollander auch der große Wurf gelingen.
Ein Punkt entscheidet über Meisterschaft
„Ich hatte nach dem Wettbewerb das Gefühl, dass es ganz gut war. Meine Trainerin meinte, es sei okay gewesen“, erzählt Romy Hollander. Doch als die Platzierung der Finalisten begann, konnte selbst sie es kaum fassen, als sie als eine der besten Drei nach vorne ziehen durfte. Den Wertungsrichtern war allerdings nicht verborgen geblieben, dass die 14-Jährige eine Stange berührt hatte. Und so war es letztlich ein hauchdünnes Ergebnis. Lediglich ein Punkt trennte sie am Ende vom Meistertitel. „Da habe ich mich schon ein bisschen geärgert“, erzählt Romy. Doch am Ende überwog die Freude, am Saisonende diesen unglaublichen Erfolg erreicht zu haben.