Emden/Ostfriesland - Im Januar musste das Schöpfwerk an der Knock wochenlang am Limit arbeiten, um die Regenfälle aus dem Raum Emden auszuleiten – eine Feriensiedlung am Großen Meer in Südbrookmerland ging derweil baden. Seitdem gab es in vielen Ecken Ostfrieslands Niederschläge, die nasse Keller und abgesoffene Weiden verursacht haben. Der bisherige traurige Höhepunkt des Jahres war ein Starkregenereignis am 13. August in Aurich, das nach dem offiziellen Index als Kategorie 9 zu den stärksten überhaupt möglichen gehörte („extremer Starkregen“). Bis zu 160 Liter pro Quadratmeter gab es an dem Tag in der Stadt, weshalb ein Altenheim und das Klinikum teilweise evakuiert werden mussten – und auch andere Gebäude beschädigt wurden. Es ist deshalb ein Jahrhundertereignis, aber: Niederschläge dieser Art werden wiederkommen, vielleicht schon im kommenden Jahr, während es an praktischen Lösungen mangelt. Wo die betroffenen Orte im Detail liegen, ist seit diesem Montag allerdings für Bürger einfach nachzuvollziehen. Denn dann ging eine neue Gefahrenkarte des NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) online unter www.geoportal.de. Diese zeigt örtliche Starkregenszenarien der Kategorien 7 und 9 an.
Modell weicht von Realität ab
Wie der NLWKN-Starkregenexperte Tobias Drückler im Gespräch mit der Redaktion erklärte, soll das Thema damit transparent gemacht werden. Auch, weil Hausbesitzer bisher oft allein dastehen – eine gesetzliche Pflicht für Kommunen, für Starkregen vorzusorgen, gibt es aktuell noch nicht. Gleichzeitig ließe sich die grundlegende Situation vor Ort mithilfe der Karte besser einschätzen als bisher, so Drückler. Allerdings: „Für Regionen wie Ostfriesland wird es Fälle geben, wo die Realität anders aussieht, als das Modell es zeigt“, sagte der Experte. Und zwar durchaus auch im negativen Sinne – denn die komplexen Details der regionalen Be- und Entwässerungssysteme können für Überschwemmungen sorgen, wo sie nicht vermutet werden.
Einige Durchlässe werden ignoriert
„Es gibt verschiedene Modelle, in denen Details der Landschaft berücksichtigt werden oder nicht“, so Drückler weiter. Im Fall der neuen Regengefahrenkarte wurden beispielsweise Wohnhäuser mitberechnet – genau wie alle Schöpfwerke, Siele und amtlich bekannten Durchlässe. „Aber nur bis hin zu Kreisstraßen. Alles, was darunter liegt, wurde ignoriert.“ Das sei vertretbar, weil die simulierten Starkregenfälle so heftig sind, dass kleine Abläufe effekiv keine Rolle mehr spielen. Im Gegenzug wird größeren Gewässern im Modell eine unendliche Aufnahmefähigkeit zugesprochen – sprich, hier kann in der Simulation alles jederzeit abfließen. Und trotzdem saufen Regionen wie eben die zuletzt in Aurich betroffenen Stadtteile nachweisbar auch im Computer ab.
Kein Detailmodell für Ostfriesland
Drückler: „Die Frage ist halt, ob kleine Durchlässe überhaupt Wasser durchlassen, und wenn, wie viel.“ Weil gerade in dieser Region viele Siedlungen an einem örtlichen Vorfluter hängen, stelle sich die Frage, ob dieser Starkregen abließen lässt – oder dafür sorgt, dass vor Ort alles absäuft. „Eigentlich müssten wir alle Entwässerungssysteme in Ostfriesland genau einberechnen, um das zu wissen“, sagte der Experte – dafür fehle es aber an Kapazitäten. Denn die Details müssten alle händisch ins Computermodell eingebaut werden; eine Arbeit, die Jahre dauern und durch Bauarbeiten in der Realität ständig überholt würde. Aus der Praxis wisse man aber, dass verrohrte Durchlässe, die unter Hofeinfahrten oder Straßen liegen, oft verkrautet sind. Sprich, die neue Gefahrenkarte zeigt wahrscheinlich trotz der Abstraktion noch eine vergleichsweise optimistische Gefahr von Überflutungen durch Starkregen.