Leer - Mit dem Wohnmobil reisen, frei und grenzenlos jeden Ort ansteuern: Diesen Traum vieler Menschen hat Gisela Homberg sich als Rentnerin erfüllt – vor 13 Jahren. Seither hat sie zwischen Nordkap und Nordafrika viele Orte gesehen. Bei einer vierwöchigen Pause in Leer erzählt sie aber noch eine Geschichte, die viel erstaunlicher erscheint. Ihren Reisen ging eine schwere Krankheit voraus, an der sie fast gestorben wäre. Eine Geschichte zum Mutmachen.
Will Gisela Homberg vormachen, wie Gemütlichkeit geht, dann öffnet sie die Seitentür ihres Fiat-Transporters und setzt sich auf ein Höckerchen, die Füße locker auf dem Herd gegenüber. So liest sie gerne, genießt die Aussicht, wo immer sie gerade ist – und das Leben. Endlich. Die Rentnerin aus Neviges bei Wuppertal hat ein Leben mit viel Arbeit und Schicksalsschlägen hinter sich, beginnend am Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Familie mit elf Kindern aus Ostpreußen fliehen musste. Davon sind Albträume geblieben.
Kein Abitur
Lehrerin wollte sie werden, doch das Abitur bleibt ihr als Mädchen der 50er Jahre verwehrt. Sie lernt Kauffrau, heiratet einen älteren Mann, bekommt mit ihm eine Tochter und verlässt ihn 1969: „Ich sah für mich keine Weiterentwicklung mehr.“ Mit Putzjobs schlägt sie sich durch, könnte Hauswirtschafterin werden, landet schließlich bei der Sparkasse Wuppertal, wo man sie bei der Ausbildung zur Bankkauffrau unterstützt. Dort bleibt Gisela Homberg bis zu ihrer Rente im Jahr 2000.
„Nicht zu groß und nicht zu klein“: Gisela Homberg in ihrem Wohnmobil, das sie seit 13 Jahren bewohnt. Bild: Axel Pries
Da war sie noch keine 60 Jahre alt, aber schwer krank. Eine bakterielle Infektion setzte ihr zu, fraß ihre Gelenkkapseln auf. Mit 58 Jahren konnte sie sich kaum noch bewegen, musste zahlreiche Medikamente einnehmen. Die bewirkten drei Herzinfarkte. Gisela Homberg konnte nicht mehr arbeiten, ging frühzeitig in Rente – mit der Aussicht auf letzte Jahre als kranke Frau. „So wollte ich nicht leben.“
Neue Lebensweise
Mit dem Professor, der sie behandelte, kam sie überein, die Medikamente auszuschleichen, auch auf die Gefahr großer Schmerzen und dass sie dadurch stirbt. „Ich wollte es darauf ankommen lassen.“ Sie setzte auf ihre eigenen Heilkräfte, lernte Meditation mit Qigong, wandte sich den Lehrern fernöstlicher Religionen zu. Eine der Weisheiten, die sie für sich verinnerlichte: „Du kannst nichts Gutes aufnehmen, wenn du das andere nicht wegschickst.“ War’s die neue Lebensweise? Die Beschwerden nahmen jedenfalls ab und Gisela Homberg ist stolz darauf, dass sie seit Jahren keine Medikamente mehr nimmt.
Gemütlichkeit in der offenen Tür des Wohnmobils. Bild: Axel Pries
2010 war es soweit, dass sie einen alten Traum verwirklichte: endlich so viel zu reisen, wie sie es sich ihr Leben lang gewünscht hat. Die Frage war: „Wie kriege ich das hin mit meiner kleinen Rente?“ Das Erbe ihrer Mutter half für den Start. Davon kaufte sie sich das Wohnmobil, einen Fiat Ducato-Transporter, den sie umbauen ließ. „Nicht zu groß und nicht zu klein.“ Ein Betrag für Reparaturen blieb auch noch übrig.
Ziellos durchs Land
Der Abschied von ihrem alten Leben fiel der Mittsechzigerin dennoch schwer. Ein halbes Jahr lang dauerte die Auflösung ihres Haushaltes. Das Ziel ihres Aufbruchs: „Das war ich selbst. Mich gab es ja nicht.“ Ziellos ließ sie sich zunächst durch Deutschland treiben, folgte schließlich einem Impuls und steuerte Ostpreußen an, um das Haus ihrer Eltern zu sehen. Sie fand es auch und damit schloss sich für Gisela Homberg ein Kreis: Von dort war sie mit ihrer Familie gekommen, hatte ihre Mutter bis zum Ende gepflegt, und mit der Rückkehr war dieser Teil des Lebens rund.
Konzentriert am Steuer: Das Fahren des umgebauten Transporters musste sie einst erst einmal üben. Bild: Axel Pries
Die Welt stand ihr offen, Gisela Homberg nutzte die Freiheit mit weiten Reisen: durch das Baltikum, durch ganz Skandinavien. Über den Balkan und durch Spanien erreichte sie Portugal und blieb sogar eine Weile, arbeitete bei der Olivenernte und auf einer Eselfarm mit.
Keine Angst
Von dort setzte sie über nach Afrika, durchstreifte drei Monate lang Marokko. Angst so alleine und als Frau habe sie nicht gehabt. Im Gegenteil. Sie merkte schnell, dass die Menschen in Marokko vor ihrem Alter Respekt hatten und sie wohlwollend behandelten.
Ein Getriebeschaden führte Gisela Homberg schließlich nach Ostfriesland, wo ihre Tochter lebt – und sie Kontakt zum Autozentrum Nord in Leer hatte. Vier Wochen lebte sie fast durchgängig auf dem Hof des Autohauses, derweil die Mechaniker sich um Ersatzteile bemühten. Seit Ende vergangener Woche ist sie wieder unterwegs und zeigt sich bei einer Nachfrage per Telefon quietschvergnügt. Sie gibt Auskunft, während sie in der offenen Autotür sitzt und verabschiedet sich mit: „Prima, dann kann ich ja wieder Eichhörnchen gucken.“
