Nicht zu Unrecht bezeichnet man den Trainerstuhl beim Hamburger SV als Schleudersitz, wurden doch viele Trainer vorschnell vom Hof gejagt. Im Fall von Tim Walter hat man allerdings zu lange gewartet – denn nicht erst seit den peinlichen Heimauftritten gegen den Karlsruher SC und Hannover 96 scheint klar, dass Walter beim HSV das Blatt nicht mehr wenden wird. Möglicherweise hat man sich auf Führungsetage vom Beinahe-Aufstieg in der vergangenen Saison blenden lassen. Oder Sportvorstand Jonas Boldt wollte sich keine weitere Niederlage eingestehen, schließlich ist Walter in seiner Amtszeit nun schon der dritte verschlissene Trainer. Wie auch immer: Eine Neuausrichtung war bereits nach Weihnachten überfällig. Dann hätte ein neuer Trainer genug Zeit gehabt, die Mannschaft vor Rückrundenstart kennenzulernen und ihr seine Spielphilosophie zu vermitteln.

Wie einst beim VfB Stuttgart ist Walter an seiner Unbelehrbarkeit gescheitert. Der unausbalancierte Harakiri-Fußball ist für den neutralen Zuschauer nett anzuschauen, doch konterstarken Teams öffnet man damit Tür und Tor. Bei Walter sind die Grenzen zwischen Überzeugung und Überschätzung fließend. Mit Versprechungen wie „Die, die sagen, HSV immer Zweite Liga’, wissen nicht, dass wir nächstes Jahr in der Ersten Liga spielen“ hat er dem Bild des größenwahnsinnigen HSV Vorschub geleistet. Eine Selbstüberhöhung, die den Verein unter seinen Vorgängern erst in die zweite Liga gebracht hat, da man zu lange lieber über Europa gesprochen hat, als die sportliche Realität zu akzeptieren.

Als Nachfolger gehandelt wird Steffen Baumgart. Dieser gilt als bodenständiges Raubein, der Spieler mit Ansprachen emotional packen kann. Und im Gegensatz zu Walter hat er bereits Zählbares erreicht: So ist er als Underdog mit Paderborn in die Bundesliga aufgestiegen, hat Köln überraschend in das internationale Geschäft geführt. Außerdem hatte sich Baumgart in der Vergangenheit bereits als HSV-Fan geoutet. An Identifikation würde es also nicht mangeln. Das Auftaktprogramm mit eher formschwachen Gegnern wie Hansa Rostock, Elversberg und Osnabrück wäre wie gemalt, um den sportlichen Turnaround zu schaffen. Und was wäre das für eine Geschichte, wenn der HSV in der Relegation auf den FC Köln trifft – und Baumgart seine alte Liebe in die zweite Liga stürzt.

Florian Fabozzi
Florian Fabozzi Volontär, 2. Ausbildungsjahr