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nordwest-zeitung

Katholische Kirche Neues Hilfsangebot für Opfer von sexuellem Missbrauch im Bistum Münster eröffnet

Im Bistum Münster gibt es zahlreiche Opfer sexueller Gewalt in der katholischen Kirche.

Im Bistum Münster gibt es zahlreiche Opfer sexueller Gewalt in der katholischen Kirche.

DPA

Friesoythe/Neuenkirchen/Münster - Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche ist und bleibt ein aktuelles Thema. Es gibt immer wieder neue Betroffene, die sich melden. Dabei können die Taten schon viele Jahre zurückliegen oder ganz akut sein. Noch vor wenigen Jahren hätten die Opfer aus dem Bistum Münster Schwierigkeiten gehabt, einen Ort zu finden, wo es ein offenes Ohr und Hilfe für sie gegeben hätte. Das hat sich mittlerweile gebessert. Betroffene können sich zum Beispiel direkt an das Bistum wenden. Ab sofort gibt es aber auch eine völlig unabhängige Institution für Opfer sexueller Gewalt in der katholischen Kirche. In Münster wurde jüngst diese neue Anlaufstelle eröffnet.

Ansprechpartner und UAK-Mitglieder

Kontakt: Die neue Anlaufstelle für Betroffene befindet sich am Krummer Timpen 63a in Münster. Mit Ulrike Overkamp und Jochen Elte kümmern sich zwei qualifizierte Fachkräfte um die Belange der Opfer. Weitere Infos unter uak-muenster.de.

Die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs und sexualisierter Gewalt für die Regionen des Bistums Münster“ (Unabhängige Aufarbeitungskommission/UAK) wurde 2023 ins Leben gerufen. Mitglieder der insgesamt achtköpfigen UAK sind drei Betroffene sexueller Gewalt: Melanie Hach, Dr. Hans Jürgen Hilling und Bernhard Theilmann, zwei vom Land NRW vorgeschlagene Mitglieder: Professor Dr. Christian Schrapper (Vorsitzender) und Birgit Westers sowie drei vom Bistum vorgeschlagene Mitglieder: Professor Dr. Thomas Großbölting, Regina Laudage-Kleeberg und Professor Dr. Thomas Schüller. Der UAK werden für die nächsten dreieinhalb Jahren vom Bistum 1,75 Millionen Euro zur freien Verwendung bereitgestellt. Damit werden vor allem die neue Anlaufstelle mit den hauptamtlichen Kräften und die Untersuchung zu Missbrauch in Kinderheimen finanziert. Eine Fortsetzung der UAK nach den 3,5 Jahren ist angestrebt.

„Wir wollen Betroffene begleiten, ihnen aufzeigen, welche Hilfen sie wo bekommen können und welche Wege sie gehen können“, sagte Professor Dr. Christian Schrapper im Gespräch mit unserer Redaktion, „unser großes Pfund ist dabei unsere Unabhängigkeit.“ Schrapper ist Vorsitzender der „Unabhängigen Aufarbeitungskommission für das Bistum Münster“, kurz UAK Münster. Dieses Gremium hat sich dieses Jahr gebildet und versteht sich nach eigenen Angaben den Interessen und Rechten von Missbrauch und Gewalt betroffener Menschen im „kirchlichen Raum“ verpflichtet. „Wir wollen unsere Wucht entfalten und allen Betroffenen zurufen, dass sie sich nicht verstecken und nicht schämen müssen, sondern ihre Ansprüche anmelden können“, so der UAK-Vorsitzende.

Dunkelfeld erhellen

Der Kommission gehören neben vom Land Nordrhein-Westfalen und dem Bistum vorgeschlagenen Personen wie Schrapper auch drei Betroffene an. Darunter zwei mit Wurzeln im Oldenburger Münsterland, Dr. Hans Jürgen Hilling und Bernd Theilmann. Der Hamburger Rechtsanwalt Hilling kommt gebürtig aus Neuscharrel. Auf seinen Druck hin wurden die Missbrauchstaten von Pfarrer Helmut Behrens, der Anfang der 1980er Jahren in Neuscharrel tätig war, aufgearbeitet. Der Oldenburger Lehrer Bernd Theilmann war in seinem Geburtsort Neuenkirchen als Kind Missbrauchsopfer von Pfarrer Bernard Janzen und hatte den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen 1994 öffentlich gemacht.

Die Mitglieder der Unabhängigen Aufarbeitungskommission (von links): Stephan Beckmann, Melanie Hach, Christian Schrapper, Angela Faber, Hans Jürgen Hilling, Maria Feimann und Bernhard Theilmann. Außerdem gehören Thomas Großbölting und Thomas Schüller dazu. Foto: Jens Joest, Kirche-und-Leben.de

Die Mitglieder der Unabhängigen Aufarbeitungskommission (von links): Stephan Beckmann, Melanie Hach, Christian Schrapper, Angela Faber, Hans Jürgen Hilling, Maria Feimann und Bernhard Theilmann. Außerdem gehören Thomas Großbölting und Thomas Schüller dazu. Foto: Jens Joest, Kirche-und-Leben.de

Besondere Aufmerksamkeit bekam das Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche durch eine von der Uni Münster 2022 veröffentlichten Studie, die eben solche Fälle untersuchte. Darin wird über die Verbrechen berichtet, die durch Geistliche an minderjährigen Opfern begangen wurden. Mehr als 200 Kleriker machten sich im Untersuchungszeitraum von 1945 bis 2020 flächendeckend im Bistum Münster schuldig, sich an mehr als 600 Betroffenen vergangen zu haben. Von fast 6000 Einzeltaten ist die Rede. Die Dunkelziffer liegt laut Studie vermutlich um ein Zehnfaches höher. „Und nach wie vor gibt es aktuelle Taten. Es gibt Übergriffe, es gibt Missbrauch“, sagte Schrapper. „Außerdem kommen auch neue Betroffene von lange zurückliegenden Taten hinzu. Es ist ein Dunkelfeld, das sich nach und nach erhellt“, sagte Hilling.

Daher sei diese Anlaufstelle so ungemein wichtig, sagte Theilmann, denn so eine Einrichtung könne Anlass sein, sich zu melden, um endlich Hilfe zu bekommen.

Missbrauch in Heimen

Das UAK wird sich künftig auch weiteren Themenfeldern widmen. Nach wie vor unbefriedigend sei etwa das Verfahren der Entschädigungszahlen für Betroffene. „Das ist total intransparent und auch rechtsstaatswidrig“, sagte Jurist Hilling. Auch die Verjährungsproblematik müsse angegangen werden.

Außerdem wird ein Pilotprojekt angestoßen. Es geht um die Untersuchung von Gewalt und Missbrauch in katholischen Kinderheimen. Theilmann: „Das ist ein konkreter Schwerpunkt. Dem wollen wir auf den Grund gehen.“ Dabei geht es zum Beispiel um ein Heim bei Münster und um das Kolleg St. Thomas in Vechta. Einige Betroffene hätten sich schon gemeldet. „Wir fangen an zu bohren“, kündigte Schrapper an.

Carsten Bickschlag
Carsten Bickschlag Redaktion Münsterland (Leitung Cloppenburg/Friesoythe)
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